Donnerstag, 6. Dezember 2012

Gotof je!




Gestern Abend war es soweit. Der noch amtierende Stadtpräsident Franc Kangler  ist wegen den anhaltenden und heftigen Strassenproteste in den vergangenen Wochen zurück getreten. Sollte er nun per Ende Dezember mit seiner gesamten Entourage das Gemeindehaus räumen, so wäre eine zentrale Forderung der Demonstranten erfüllt. Doch dabei wird es nun wohl nicht bleiben. Denn Franc Kangler ist im Sumpf der Korruption, welcher hier in Slowenien grösser ist als man gemeinhin annimmt, wahrscheinlich noch ein kleiner Fisch. Auf jeden Fall war er nicht intelligent genug seine Machenschaften soweit von der Öffentlichkeit fernzuhalten, dass man ihn nicht derart leicht hätte überführen können. Die Proteste haben sich mittlerweile auf das ganze Land ausgeweitet. Die Forderung ist dieselbe in Maribor, wie in Ljubljana oder in Celje: Weg mit der korrupten Elite. "Gotof si!" - "Sie sind alle fertig!"
Die Proteste in den letzten Wochen haben stets nach dem gleichen Muster begonnen. Zuerst versammelten sich Tausende von Menschen auf dem Freiheitsplatz im Zentrum von Maribor um friedlich aber lautstark ihre Forderung heraus zu schreien: "Gotof je!" - "Er ist fertig!". Letzten Montag versammelten sich nicht weniger als 20'000 Menschen auf dem Platz, für eine Stadt wie Maribor eine unglaubliche Zahl. Die Demonstranten wurden von den Organisatoren gebeten, sich nicht dem Gemeindehaus zu nähern. Nach rund einer Stunde war die Menge aber nicht mehr aufzuhalten und bald einmal standen Tausende Menschen direkt vor dem Gemeindehaus, welches notdürftig von zahlreichen Polizisten in Vollmontur bewacht wurde. Bald flogen die ersten Steine, Flaschen und Farbsäcke. Nach mehreren zerschlagenen Scheiben begann die Polizei die Menge mit Tränengas vom Gemeindehaus weg zu treiben. Die Folge war eine mehrere Stunden andauernde Strassenschlacht mit der Polizei, in deren Folge es zu zahlreichen Festnahmen kam. 
Am 15. Dezember geht hier in Maribor offiziell das Jahr der europäischen Kulturhauptstadt zu Ende. Für den 14. Dezember sind erneute Proteste angesagt und am 21. Dezember gibt es den landesweiten "Bürgeraufstand". Slowenien stehen revolutionäre Zeiten bevor und manch ein Politiker mag sich wohl fragen, ob das Jahr der europäischen Kulturhauptstadt vielleicht auch sein letztes Amtsjahr gewesen sein wird. 
Mag Maribor im Verlauf dieses Jahres nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die es sich durch den erwähnten Titel erhofft hat, so sprechen nun zumindest bereits die österreichischen Nachbarn intensiv über ihr südliches Nachbarland. Die Zeitungen berichten noch verhalten von den Protesten und Leserbriefschreiber in der "Kleinen Zeitung" fragen sich ob das an der empfindlichen Nähe zur steirischen Landeshauptstadt Graz liegen mag. Die 70 Kilometer scheinen wenig zu sein in Anbetracht der Korruptionsskandale, die auch in der österreichischen Politik für Schlagzeilen sorgen.
Hier in Maribor sind die Demonstrationen im Moment das einzige Thema. Bereits wurden Bürgerinitiativen gegründet für das Neue Maribor. In Räumlichkeiten, die im Moment noch von Kulturhauptstadt Geldern finanziert werden. 
Es ist sehr schwierig zu sagen, wie es nun mit den Protesten weiter gehen wird. Sicher ist aber, dass Maribor sich in diesem Jahr verändert hat und dass die Veränderungen die Europäische Kulturhauptstadt 2012 auch im nächsten Jahr beeinflussen werden. Die Kulturhauptstadt; ein nachhaltiges Projekt!

Dienstag, 30. Oktober 2012

Vamos, Miklos!



Es ist ein nebliger, kalter Tag in Slovenska Bistrica. Der kälteste Tag seit dem Herbstbeginn. Die Abgaswolken der Autos bleiben noch eine Weile in der Luft hängen, nachdem sich die Wagen bereits aus dem Staub gemacht haben. Miklos Vamos lässt keine Spuren zurück. Nachdem er auf der Hauptstrasse Richtung Ljubljana aus meinem Blickfeld entschwunden ist scheint es, als hätte die kalte Luft ihn bereits verschluckt. Ihn, sein Fahrrad und sein gesamtes Hab und Gut. Dort wo er war, dort bleibt nichts von ihm zurück und dorthin wo er fährt, da erwarten ihn im besten Fall ein paar trockene Kleider, etwas zu Essen und nicht ganz zu ende gerauchte Zigaretten; aus dem Müll gefischt, vom Boden aufgelesen. Schweren Herzens sehe ich ihn davon gehen, sein voll gepacktes und massiv schweres Rad neben sich herschiebend und ich kann mir selber nicht genau erklären, was für eine Begegnung mir während den letzten vierundzwanzig Stunden zugefallen ist.

Miklos Vamos habe ich am Mittwoch in Lendava kennen gelernt, nachdem ich unser Auto beim Mechaniker Janez abgestellt hatte und mich per Rad auf den Weg zurück nach Trimlini machte. Fast wäre ich mit dem Rad in ihn hinein gefahren. Miklos stand an der Auffahrt zur Autobahn, vertieft in eine seiner Reisetaschen. Neben sich ein Gefährt von beinahe urzeitlichem Ausmass. Ein Kettler Rad, das bestimmt zwanzig Jahre auf dem Buckel hat und ein Aufsatz an Taschen und Säcken, die einem einigermassen geübten Tourenfahrer, fast den Atem stocken lässt. Auf dem Gepäckträger zwei Reserveräder, ein Liegestuhl, eine Campingmatratze, eine riesige Luftpumpe und ein kleines Surfbrett. Taschen auch am Vorderrad und als wäre das alles nicht genug, trägt der kleine Mann mit den weissen Haaren und dem um die Mundwinkel vom Tabak gelb gefärbten, aber sonst strahlen weissen Bart, auch noch einen riesigen Treckingrucksack am Rücken. Ich halte neben ihm auf dem Gehsteig an, ich kann nicht anders. Meine slowenische Begrüssung erwiedert Miklos mit einem ungarischen „jo napod“. Ein Ungare also. Ein Magjar und ich kenne die Folgen für die weitere Gesprächsführung bereits. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben als mit Händen und Füssen ins Gespräch zu kommen. Darin habe ich meine Erfahrungen.
Rasch wird klar, dieser Mann schreit nach einem Kaffe und wir machen uns gemeinsam auf den Weg, die Fahrräder neben uns herschiebend, über die Brücke zur letzten Tankstelle vor der Autobahneinfahrt. Bei Kaffe und Zigarette beginne ich die ersten Bruchstücke aus dem Leben von Miklos Vamos zu verstehen. Ein Gespräch wie ein Puzzlespiel, bei dem du nach und nach die Puzzleteile umdrehst, etwas darauf erkennst und es doch noch nicht in Relation zu den anderen Teilen setzten kannst, geschweige denn ein ganzes Bild zu erkennen.
Miklos Vamos ist unterwegs in den Süden. Er flieht vor der Kälte und fährt via Italien und Frankreich nach Gibraltar. Dort ist er anscheinend bereits einmal gewesen, denn an seinem Rucksack hängt eine Warnjacke, wie sie Bauarbeiter tragen, mit der Aufschrift: Labour Hire (Gibraltar) Ltd.
Ein erstes Mal verabschiede ich mich von Miklos Vamos an der Tankstelle in Lendava. Ich gebe ihm meine Mobilnummer, er solle sich am Donnerstag melden wenn er in Maribor ist. Er meldete sich schliesslich am Donnerstag Abend, nachdem er Maribor bereits seit zwanzig Kilometer hinter sich gelessen hat.
Heute, mehrere Gesprächsstunden nach dieser ersten Begegnung, liegen Fragmente von Miklos Leben vor mir, ich beschaue mir diese einzelnen Stücke und komme nicht aus dem Staunen hinaus. Jahreszahlen, während der Nacht auf einen Papierfetzen gekritzelt, haben unser gegenseitiges Verstehen erleichtert. Wenn ich versuchen soll einige Eckdaten zu nennen, dann würde das Ganze ungefähr so lauten

Miklos Vamos wurde 1962 in Ungarn geboren. Wo genau weiss ich nicht. Er hat seine Eltern nie gekannt und ist in einem Kinderheim und später in einem Internat aufgewachsen. In Moskau hat er sich von 1984 bis 1990 zum Helikopterpiloten ausgebildet. 1991 wurde sein Helikopter im Jugoslawienkrieg abgeschossen. Warum und von wem habe ich keine Ahnung. Danach ist er nach Rumänien gegangen und hat dort in mehreren Städten zwischen 1991 und 1999 gelebt. Seit seiner Rückkehr nach Ungarn im Jahre 1999 lebte Miklos Vamos auf der Strasse, ein Obdachloser, ein homeless, wie er selbst immer wieder betonte. Seit dann führten ihn ausgedehnte Fahrradreisen in die ganze Welt, nach Australien (anscheinend hat die Caritas ihm den Flug dorthin bezahlt), in die Türkei, nach Kurdistan, Iran, Irak. Seit acht Jahren scheint Miklos einen Rhythmus gefunden zu haben. Seit acht Jahren bricht er regelmässig im Oktober zu seiner Reise in den Südwesten Europas auf. Gegen Mitte Dezember erreicht er Gibraltar. Dort kann er in einem Bunker (bunkercasa, so Miklo’s Ausdruck) einige Tage ausruhen. Ein ehemaliger Militärkollege von Miklos bewohne dieses Bunkerhaus das ganze Jahr über. Danach fährt er weiter nach Portugal, Lissabon. Hier, mehr oder weniger am Rande Europas, ist seine Reise beendet. Im Juni oder Juli fährt er dann auf ähnlicher Strecke zurück nach Ungarn um in Budapest erneut für einige Wochen eine Ruhepause einzulegen.

Miklos Vamos hat die letzte Nacht in unserer Wohnung in Maribor verbracht. Er hat nach fünf Wochen wieder einmal geduscht, seinen Schlafsack, seine Jacke und seinen Wollpullover gewaschen und bestimmt auch seit längerer Zeit eine ausgiebige, warme Mahlzeit zu sich genommen. Zusätzlich konnte er sich aus meiner Tabakdose bedienen, ein Umstand den er reichlich genutzt hat. Gemeinsam sind wir in den Supermarkt gegangen um für das Abendessen einzukaufen. Das Angebot, mit mir zusammen ein Bier zu trinken, hat Miklos klar abgelehnt. Er trinke seit Jahren keinen Tropfen Alkohol und meinte dass dies auch der Grund sei, weshalb er noch nicht auf dem pokopalisce gelandet sei. Das slowenische Wort für Friedhof war ihm wohl bekannt. Alkohol und Friedhof; für Miklos Vamos eine Symbiose. Bestimmt hat er bereits zahlreiche Biographien mit angesehen, die nicht zuletzt wegen dem Alkohol ein tragisches Ende genommen haben. Kaffe und Zigartetten, das sei sein Alkohol, meinte Miklos während er sich erneut eine Zigarette ansteckte.

Nach einer ausgiebigen Dusche kommt Miklos Vamos aus dem Badezimmer. Als er ohne T-Shirt vor mir steht erkenne ich, wie stämmig, wie robust, wie sportlich dieser 50-jährige Mann aussieht. Und mir wird klar, dass dies der Körper eines Mannes ist, der während den letzten Jahren, mehrere hundert tausend Kilometer auf dem Fahrrad zurück gelegt hat. Seine schmutzige Hose wirft er in den Müll. Litter, meinte Miklos lachend; Müll. Miklos Vamos fischt seine Kleider aus dem Müll und wenn sie zu schmutzig sind, dann landen sie wieder dort wo er sie gefunden hat; im Müll. Frankreich und Spanien seien fantastische Orte um Kleider aus dem Müll zu holen; Francia, Espagna dobro litter, dobro! In meiner Wohnung in Maribor öffnet er seinen grossen Rucksack und entnimmt ihm eine Plastiktüte, zum bersten gefüllt mit Mobiltelefonen, Akkus und Batterien. Er steckt mehrere Ladegeräte in die Steckdose und kontrolliert, ob die Mobiltelefone auch wirklich funktionieren.
Alles was Miklos Vamos bei sich trägt, hat er aus dem Müll. Einige Sachen, Kleider, Nahrung und Zigaretten dienen seinem eigenen Überleben. Andere Dinge wie zum Beispiel die zahlreichen Mobiltelefone dienen dem biznis. Auf seinem Mobiltelefon, das er selber benutzt, zeigt er mir seine Biznispartner. Da gibt es einen Biznispartner Elektronik, einen Biznispartnter Silber und einen Biznispartner für Tabak. Auch die Nummer des ungarischen Präsidenten, Victor Orban, hat Miklos gespeichert. Dieser sei ein guter Freund von ihm, er rufe ihn regelmässig an und während Miklo’s Ruhepause in Budapest könne er in Räumlichkeiten übernachten, die eben dieser Victor Orban zur Verfügung stelle. Phantasien eines zu lange auf der Strasse lebenden Menschen?

Allmählich kann mir Miklos Vamos klar machen, dass seine jährlich widerkehrenden Fahrten gen Süden mehr sind als ein Entfliehen aus der Kälte und aus der Stagnation. Zwar hat er für Ungarn kein gutes Wort übrig, doch die Liebe zur Sonne und zum Meer allein ist es nicht, die ihn jedes Jahr im Oktober wieder zum Aufbruch motivieren. Es ist das biznis.
Miklos Vamos hat festgestellt, dass er während seinen Reisen Dinge im Müll findet, die er zu Hause in Ungarn für Geld loswerden kann. Als Beispiele nennt er Mobiltelefone, Laptops, Uhren, Gold und Silber; alles aus dem Müll. In Budapest hat er seine Abnehmer für diese Sachen und die Kontaktnummern in seinem Handy gespeichert. Seine Reise nach Spanien ist eine Biznis-Reise, seine Hotels indes sind Stadtpärke, Waldränder und zuweilen Abflussrohre.
Miklos Vamos hat mich während seines Aufenthaltes bei mir nicht einmal um Geld oder sonstwelche Dienste gebeten. Für jedes Geschenk, das ich ihm machte, wollte er mir etwas aus seinem Fundus geben. Ein Abwehren meinerseits war nur mässig erfolgreich.

Am Freitag habe ich Miklos Vamos mit dem Auto zurück zu seinem Fahrrad nach Slovenska Bistrica gefahren. Mit gekonnten Handbewegungen sattelte er sein Fahrrad. Gemeinsam besuchten wir nochmals den Supermarkt. Miklos wählte eine weiche Salami, Margarine und Aufstriche. Brot würde er genügend im Müll finden. Zähne für härtere Speisen hat er keine Mehr.

Wir verabschiedeten uns herzlich. Sein Fahrrad die ersten Meter stossend verschwand er langsam aus meinem Blickfeld. Zurück lässt er schmutzige Hosen in meinem Hausmüll, einen vollen Aschenbecher und eine Lebensgeschichte, der ich sehr gerne nachgehen würde.


Freitag, 7. September 2012

modernes wohnen in Maribor



Manche nennen sie Kaninchenställe. Mir kommen sie eher vor wie ein Bienenhaus. Kinder schwärmen auf dem Boden herum und die Alten sitzen auf dem Balkönchen und rauchen ein Zigarettchen.

Mittwoch, 5. September 2012

Velenje



Es gibt in Slowenien nach wie vor viele Orte und Städte, die ich noch nicht kennen gelernt habe. Einer jener Orte war bis gestern die Stadt Velenje.
Velenje ist keine historische Stadt im herkömmlichen Sinne, wenn wir unter „historisch“ mittelalterliche Stadtmauern und pompöse Bürgerhäuser verstehen. Velenje ist eine junge Stadt, die aber den Namenszusatz „historisch“ durchaus verdient hat.
Die Stadt Velenje wurde nach dem 2. Weltkrieg von unzähligen „freiwilligen“ Händen in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft. Freiwillig waren diese Arbeiten in dem Sinne, dass die Frauen und Männer dafür grösstenteils nicht bezahlt wurden. Jedoch konnten sie sich mit ihrer tatkräftigen Mitarbeit eine der vielen neuen (und für die damaligen Zeiten höchst modernen) Wohnungen ergattern. Die Geschichte der Entstehung Velenjes ist auch sehr stark mit der Industriegeschichte jener Gegend verbunden. Noch heute prägen Kohleöfen und das immense Areal von Gorenje, dem wohl bekanntesten Haushaltsgerätehersteller Südosteuropas, das Gebiet. Kohle wird auch nach mehr als 50 Jahren noch gefördert, verbrannt und in Elektrizität umgewandelt. Ein Arbeiter des Kohlewerkes meinte, dass die Vorräte bestimmt noch bis ins Jahr 2050 reichen sollen.
Bei unserem Spaziergang durch die ehemalige jugoslawische Vorzeigestadt Velenje war ich fasziniert vom Leben, das hier zwischen all dem Beton herausplätschert. Auf dem riesigen, verkehrsfreien Hauptplatz der Stadt spielen Dutzende von Kinder während die Eltern beim Kaffe oder Feierabendbier sitzen. Nebst slowenisch wird hier vor allem bosnisch gesprochen. In den letzten Jahrzehnten sind sehr viele Menschen aus Bosnien Herzegowina nach Velenje gekommen. Arbeit fanden sie entweder im Kohlebergwerk oder bei der Firma Gorenje.
Doch auch wenn sich hier in Velenje ein Stück Jugoslawien erhalten hat, büsste die Stadt in den letzten Jahren doch einen grossen Teil ihres ursprünglichen Charms ein. Zu erkennen ist das vor allem an den unzähligen geschlossenen Klein- und Kleinstläden. Diese waren einstmals im Erdgeschoss der grossen Wohngebäuden angesiedelt. Die Läden bildeten sozusagen die Wurzeln dieser Bauten und versorgten deren Bewohner mit Brot, Kleider, Bücher oder Spielwaren. Hinzu kamen unzählige Kaffes, in welchen sich die Bwohner nach der Arbeit trafen. Heute sind diese Läden zum grössten Teil verschwunden. Ein Freund von uns meinte, dass es in seinem „Quartier“ noch einen kleinen Supermarkt gebe. Doch der Besitzer kämpfe täglich ums Überleben und würde er nicht 365 Tage im Jahr geöffnet haben, so könnte er wohl morgen die Türen für immer schliessen. Anstelle dieser Läden stehen heute mehrere riesige Einkaufszentren am Stadtrand. Woher eine 50 Tausend köpfige Stadt den Bedarf für ein solches Angebot hernehme, ist auch unserem Freund in Velenje ein Rätsel. Doch noch haben die Supermärkte nicht das ganze Leben Velenjes in ihren Bann gezogen. Noch scheint es, als träfen sich die Menschen dieser Stadt am Feiernachmittag (die Arbeit beendet man hier gegen 15 Uhr) lieber auf dem Hauptplatz untehalb der Statue des Mareschall Titos als im Bowlingcenter des Supermarktes. Gut so!

Sonntag, 2. September 2012

Bakar



Das Adriatische Meer ist beinahe ausgefischt; die fetten Beuten an Land gezogen und in einer gottvergessenen Strasse zwischen Rijeka und Zadar zwischengelagert. Zusammen mit dem Holzstoss eine Vorbereitung für den anstehenden Winter.

Wollen wir aber nicht schon die Kälte ins Haus holen sondern erfreuen uns stattdessen am reichlich gefallenen Regen und am guten Wein des vorherigen Jahres.

Während in der Kulturhauptstadt die Festbeleuchtung immer früher eingeschaltet werden kann fragt man sich hier wie lange es denn überhaupt noch Strom geben wird. Man jammert in Raten und bezahlt auch das Ledersofa in der gleichen Manier. Wer sich 50 Cent pro Tag nicht mehr leisten kann ist wirklich ein armer Schlucker.

Der Silberfisch aus Bakar lässt grüssen.

Montag, 18. Juni 2012

gehcrew im stehcrew Verdacht


Der letzte Kommentar hat es deutlich gezeigt, denn folgt man den äusserst spärlichen Einträgen der gehcrew könnte man meinen, die Crew sei tatsächlich stehen geblieben. Ich persönlich würde den momentanen Zustand nicht als Stillstand bezeichnen sondern eher an ein im Kreis sich drehen an verschiedenen Orten. Meine physische Präsenz pendelt zwischen Maribor, Graz und Bern hin und her. Psychisch bin ich nach wie vor unterwegs zwischen Bern und Istanbul. Die gehcrew scheint zu einem grösseren Projekt geworden zu sein als wir es gedacht hatten.
Zusammen mit Miha und dem Verein begehbar arbeite ich nach wie vor daran, in naher Zukunft Touren im Balkan auf die Beine zu stellen. Die Studienreise vor zwei Wochen nach Montenegro könnte für uns ein richtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen sein. Wer mehr über diese Studienreise erfahren will schaut unter:
http://www.begehbar.org/
http://www.facebook.com/studyweekmontenegro
http://blogs.statravel.ch/studyweekmontenegro
Es ist für mich, Natasa und Jurij immer wieder eine Herausforderung diese Pendelbewegungen zu verkraften und die Unsicherheiten, die sie mit sich bringen, einzustecken. Auch stellt sich natürlich nach wie vor die Frage, ob wir dieses "Pendler-Leben" überhaupt noch wollen. Der Wunsch nach etwas mehr Kontinuität und Stabilität ist jedenfalls unüberhörbar. Doch wirken hier auch noch andere Kräfte. Kräfte die man als Sehnsucht oder Neugierde bezeichnen könnte und die uns immer wieder bewusst werden lassen, dass die vielen Möglichkeiten in unserem Leben auch ein tägliches Geschenk sind.
Dass es uns aber bald einmal wieder für längere Zeit in die Schweiz zieht ist absehbar. Ich vermisse meine Freunde und meine Familie sehr.
Uns allen geht es gut und wir bleiben unterwegs (und sei es auch nur in unserem vorübergehenden Garten). Die gehcrew holt Atem für neue Abenteuer.

Montag, 6. Februar 2012

zeitlose Uhr





Mein Freund dan hat mir zu meinem letzten Geburtstag ein wunderschönes Geschenk gemacht. Es war dies eine Sammlung aller Texte und Textchen, die im Rahmen von gehcrew während der letzten zwei Jahre entstanden sind. Obwohl die Texte und die dazugehörigen Bilder zwar im Internet abrufbar sind, habe ich mich vor knapp einem Jahr dermassen über das Geschenk gefreut, dass ich es immer wieder in die Hände nehmen musste. Es ist ein Ringordnerbuch, A4 Grösse, mit grünem Einband und ohne Seitenzahlen. Es müssten aber um die 200 Seiten sein, so schätze ich. Jedes Bild, jeder Text in diesem Buch war mir wohlbekannt und hat beim erneuten Lesen ein Teil jener Gefühle in mir hochgerufen, die ich empfunde haben musste, als ich diese Texte schrieb. Es sind nicht die überragende literarische Qualitäten des Geschriebenen, nicht die brisanten Ideen oder Gedankengänge weswegen mir dieses Buch so viel bedeutet, es ist nur meine persönliche Verbundenheit mit jedem einzelnen Erlebnis aus diesem Buch. Einige davon habe ich mit anderen geteilt. Sei es mit Menschen unterwegs, sei es mit Menschen, die aus irgend einem Grund, irgendeinmal einen Text gelesen oder sich ein Bild angeschaut haben. Diese Momente von knapp zwei Jahren in einem Buch gebündelt vor mir zu haben, hat mich, ich kann es nicht anders sagen, tief gerührt. Dan versprach mir eine Fortsetzung zu meinem nächsten Geburtstag und ich meinte, das ich mein Bestes dafür geben würde.
Nun, bald ein Jahr später, wäre Band zwei meines Buches, würde man es wirklich erstellen, wohl keine 20 Seiten stark. Eine Hand voll Einträge innerhalb eines Jahres, daraus lässt sich kein zweiter Band erstellen. Mehrmals habe ich während des letzten Jahres versucht mich hinzusetzen und etwas davon in Worte zu fassen, was mir auf der Zunge lag. Und zwar auf jener Zunge, die nicht zum sprechen gemacht ist. Eine Zunge, welche Gedanken erst in Sprache verwandelt, wenn man sich für sich selbst Zeit nimmt, in sich hört und so tut, als könnte man für eine kurze Weile die Welt um sich herum vergessen. Die Welt um sich herum vergessen, das gelingt einem wahrscheinlich am einfachsten, wenn man nicht zu Hause ist, wenn man unterwegs ist und sich der Umgebung und den Menschen, die sie bewohnen, nicht verpflichtet fühlt. Natürlich ist es eine falsche Annahme wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch, ist er nicht zu Hause, sich seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt und den Menschen entziehen kann. Aber das Gefühl auf sich selbst gestellt zu sein und weitgehend nur sich selbst Rechenschaft zu schulden, kommt bestimmt auf Reisen eher auf als im Alltag.

Und was gibts Neues bei uns?

Jurij; an erster Stelle steht bestimmt unser Sohn Jurij. In etwas mehr als zwei Wochen wird er seinen ersten Geburtstag hier in Maribor feiern. Am 18. Februar 2012 wird er den 365. Tag hier bei uns beginnen. Dankbar sind Natasa und ich für die Tatsache, dass wir alle in diesem ersten Jahr viel Zeit miteinander verbringen konnten. Kurz vor Jurijs Geburt begann ich eine Arbeit als Deutschlehrer bei der Sprachschule Berlitz. Im Verlauf des letzten Jahres hatte ich selten mehr als 10 Stunden Arbeit pro Woche. Doch gemeinsam mit dem Geld für Natasas Mutterschaftsurlaub schafften wir es finanziell einigermassen über die Runden zu kommen. Dankbar war ich aber jedes Mal, wenn mich der Gemüsebauer wieder nach Golaten rief, weil ihm die Petruschkas oder der Blaukabis buchstäblich bis zum Hals standen. Dort verdiente ich den Gastarbeiter-Lohn, jenes Geld, das seinen echten Wert erst dann entfaltet, wenn man es ins Ausland exportiert. Zum Beispiel nach Slowenien. Dass die Arbeit auf dem Gemüsebetrieb mir nicht nur Geld sondern auch ein Haufen lehrreiche Momente beschert hat, habe ich bereits mehrmals erwähnt.

Als Deutschlehrer für dir Sprachschule Berlitz komme ich viel in der Umgebung herum. Ich unterrichte Gruppen und Privatschüler in Maribor und fahre auch immer wieder zu Firmen. Gerade diese Firmenbesuche sind für mich fantastisch. Dadurch erhalte ich einen interessanten Einblick in die slowenische Arbeitswelt. Sei es bei der Toilettenpapier Fabrik Paloma, beim Hydraulik-König Bijol oder in der IT-Abteilung eines Haushaltgeräte Herstellers. Dass ich mir langsam wie eine Audio-Kassette vorkomme kann ich dank diesen Erfahrungen guten Mutes zur Seite schieben.

Seit Januar 2012 arbeite ich auch zwei Tage in der Woche in einem Kinderdorf in Graz. Hier bin ich als Sozialpädagoge angestellt und kümmere mich um alles was im meist hitzigen Verlauf eines Tages so anfällt: Hausaufgaben durchpauken, Mittag- und Abendessen herrichten, Fussball spielen, Windeln wechseln, Kinder zu den Eltern fahren, Streite schlichten und den Fernseher leiser stellen... Ich lerne, dass ein „fesches Dirndl“ kein Schimpfwort ist, sondern ein braves, steirische Mädchen meint. Ich muss einsehen, dass eine „gleitende Jause“ in einem hektischen Alltag vielleicht die geeignetere Form des Mittagessens ist und dass auch halb gefrorenes Toastbrot essbar ist. Zudem weiss ich nun, dass tiefgefrorene „Hendl“, direkt in die heisse Bratpfanne geworfen, bereits nach 15 Minuten serviert werden können. Ich lerne einen Haufen wunderbarer Menschen kennen und werde in jeder Stunde, die ich im Kinderdorf verbringe um viele Erfahrungen (und der ersten weissen Haare) reicher.

Mit ganz herzlichen Grüssen aus dem tief verschneiten Maribor!








Dienstag, 25. Oktober 2011

Wertschröpfung



Mein kurzer Einsatz als Gastarbeiter auf dem Gemüsehof von Michu Hurni ist nun auch bereits wieder zu Ende. Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag und wir haben uns nochmals so richtig ins Zeug gelegt. Die nachmittägliche Ernte von rund 10 Tonnen Kohl lässt sich sehen... Michael, mein Gastarbeiter Kollege und sein Chef werden nun auf jeden Fall während den nächsten Regentagen genügend Arbeit im Rüstraum haben.

Es war einmal mehr eine sehr lehrreiche Zeit für mich. Mit einer grossen Bewunderung schaue ich auf Michus unermüdliche Einsatz auf dem Gemüsebetrieb. Täglich ist der junge Bauer rund 12 Stunden auf den Beinen um die vielen anstehenden Arbeiten zu erledigen, die es eben braucht, bis das Gemüse verpackt in der Ablage von Migros oder Coop dem Kunden präsentiert wird. Erschreckend wenig schaut dabei für den Bauer selbst heraus; aus der finanziellen Perspektive betrachtet. Mit Verkaufsmarchen von manchmal mehreren hundert Prozent könnte man meinen, dass sein Teil der Arbeit nur ein kleiner sei. Dass dem nicht so ist habe ich nun mal wieder feststellen können. Eine Feld der raren Peterliwurz, auf welchem wir gut und gerne eine Woche beschäftigt waren um all die Rüben von Hand aus der Erde zu ziehen, bringt ihm nur einen Bruchteil dessen ein, was schliesslich der Verkauf der Ware im Detailhandel ausmacht. Das Geld geht also nicht zu jenen Menschen, die die Ware anpflanzen, pflegen und ernten als viel mehr zu jenen, die sie nur gerade verkaufen. Da läuft was Grundlegendes falsch. Dass dies nicht nur im "Gemüse Business" so läuft ist mir natürlich bewusst.


Übrigens: Die Kürbisse zur Produktion des Golatener Kürbiskernöl sind erntereif. Nun werden in den nächsten Tagen die Kerne entnommen und diese dann in die Presse gebracht. Auf das Resultat warten wir alle gespannt. Dass "daraus nix wird" würde ich demnach nicht behaupten!



Mittwoch, 19. Oktober 2011

Feldarbeit




Zwei arme Bauern arbeiten gemeinsam auf einem Acker als mit ohrenbetäubendem Getöse ein Kampfjet über ihren Köpfen vorbei donnert.
„Hast du gesehen, das Flugzeug ist mit Raketen bestückt“, meint der eine Bauer zum anderen. „Wie viel wohl nur eine solche Rakete kosten mag?“, fragte ihn der zweite Bauer. „Bestimmt mehrere zehn Tausend Euro“, weiss jener. Darauf erhebt der erste Bauer seine Hände trichterförmig zum Himmel und schreit: „Oh Gott, hab Erbarmen mit uns und wirf uns eine solche Bombe zu Füssen!“

Michael, der Saisonarbeiter aus der Slovakei, mit dem ich zur Zeit in Golaten arbeite, weiss viele solche Witze zu erzählen. Es ist seine Art von Humor und ich komme ganz gut zu Recht damit. Michael, der mit seinen 62 Jahren nun schon das vierte Jahr als Saisonarbeiter in der Schweiz verbringt scheint grundsätzlich dem Leben mit viel Humor entgegen zu treten. Doch dass da mehr als nur Witze Klopfen dahinter steckt habe ich schon längst gemerkt. Seine Persönlichkeit strahlt eine kindliche Verspieltheit und ein unerschrockener Optimismus aus, der hier auf den Felder von Golaten bestimmt seines Gleichen sucht.

Es kommt immer mal wieder vor, dass wir gemeinsam während mehreren Stunden Tonnen von Kabis rüsten, diesen in Kisten verpacken und feinsäuberlich auf Holzpalletten stapeln. Eine Arbeit die eigentlich eintöniger nicht sein könnte, denn die Bewegungsabläufe sind dermassen gleichmässig, dass ich mir bereits am ersten Tag eine Sehnenendzündung geholt habe, die auch nach Tagen noch nicht abgeklungen ist. Doch geflucht wird bei Michael über Arbeit nie: „Arbeit ist Arbeit“, pflegt er zu sagen und meint damit in etwa so viel wie, dass es schlechte und gute Arbeit nicht gibt. Arbeit muss erledigt werden und da fällt automatisch diese Einteilung weg.

Ich arbeite hier in der Schweiz täglich zehn Stunden pro Tag. Das ist viel, sogar für Schweizer Verhältnisse. Mein Chef bringt es gut und gerne auf zwölf Stunden pro Tag. Der Lohn fällt einem hier nicht in den Schoss, pflegt er zu sagen und meint damit wohl, dass man Geld bestimmt anderswo leichter verdienen könnte. Michael arbeitet acht Monate im Jahr als Saisonarbeiter in Golaten, den Rest des Jahres verbringt er mit seiner Frau und dem Kind in der Ukraine. Die Ukraine sei am Arsch, hat er mir heute gesagt, aber trotzdem ein herrlicher Ort zum Leben.
Solche Aussagen machen uns Schweizer stutzig und wir würden das gerne genauer erklärt haben, doch haben wir nicht die Geduld uns das bei Alkohol, Zigaretten und vielen Umschweifungen erklären zu lassen.

Samstag, 15. Oktober 2011

das Gemüse steht uns bis zum Hals

Bild: Unterwegs in die Schweiz


Seit zwei Tagen bin ich in der Schweiz. Bei meinem bald schon langjährigen Arbeitgeber in Golaten habe ich erneut eine temporäre Anstellung auf dem Gemüsebetrieb bekommen. Im Moment steht uns die Arbeit bis zum Hals, denn noch stecken weiss nicht wie viele Tonnen Kabis im Boden und auch die Petruschkas, die Peterliwurz, muss noch geerntet werden. Für mich ist es immer wieder erschreckend anzusehen, wie viel Gemüse weggeworfen, beziehungsweise den Kühen verfüttert wird (ok, die müssen auch was fressen, aber nicht unbedingt das, was ursprünglich für Menschen angebaut wurde..). Eben hat der Bauer 20 Tonnen Kartoffeln vom Prüfer zurückbekommen. Die Kartoffeln weisen Schlagschäden auf. Dadurch sind sie zwar noch lange nicht ungeniessbar, aber wie Konsumenten wollen ja nur das Beste. Die ehemalige Bäuerin des Betriebs nennt dies immer wieder eine Sünde. "Ist es nicht eine Sünde, so viele Lebensmittel wegzuwerfen?"

Ich selber kann mit dem Wort Sünde wenig anfangen. Bestimmt aber ist etwas in unserem Versorgungssystem völlig falsch gelaufen!

Freitag, 7. Oktober 2011

Ökologen ohne Grenzen

Bild: Im Sommer 2008 machte ich mit Teo eine Fahrradtour durch Rumänien. Im Süden des Landes trafen wir auf einen Wochenmarkt der seines Gleichen sucht. Schuhe und Kleider gab es dort im Zentner zu erwerben.



Die Ökologen ohne Grenzen sind in Slowenien seit ihrer äusserst erfolgreichen Kampagne "cleaning Slovenija in one day" in aller Munde. Der Verein beschäftigt im Moment elf Vollzeitangestellte und immer noch geht den Aktivisten die Arbeit nicht aus.

Diese Tage arbeitet Natasa zusammen mit den Ökologen ohne Grenzen. Gemeinsam haben sie eine Kleidertausch-Börse im Zentrum Maribos auf die Beine gestellt. Die Idee ist: Bringe Kleider die du nicht mehr brauchst und tausche sie gegen solche die du tragen möchtest. Doch hinter dieser ganz simplen Idee versteckt sich ein echtes Problem, welches die Aktivisten von Ökologen ohne Grenzen nun angehen möchten.

In Slowenien exisitiert nach wie vor kaum eine Kleidersammelstelle, es gibt demnach auch keine recyclage von Textilien wie das etwa in der Schweiz der Fall ist. Nun mag man denken: Textilien sind ja wohl das kleinste Problem in der grossen Abfallflut. Die Recherche von Barbara, eine der Aktivistinnen, zeigte aber ganz andere Resultate:

Alleine im Jahr 2006 wurden 18'000 Tonnen Textilien nach Slowenien importiert. Das entspricht 9 Kilogramm pro Kopf. Im gleichen Jahr wurden nur gerade 1,114 Tonnen Textilien in Sammelstellen zusammen getragen. Das entspricht knapp einem halben Kilogramm pro Kopf. Die Schlussfolgerung: Alleine im Jahr 2006 sind pro Kopf in Slowenien 8,5 Kilogramm Textilien irgendwo untergekommen. Die Frage ist nur, wo? Im Kleiderschrank? Im Abfall?

In Slowenien gibt es nach wie vor unzählige illegaler Abfallsammelstellen. Diesen haben die Ökologen ohne Grenzen nun den Kampf angesagt. Auf einer Internetplattform können diese Abfalldeponien gemeldet werden. Anschliessend werden Freiwillige gesucht (und auch gefunden) die diese Sammelstellen reinigen und den Abfall getrennt dem Staat übergeben. Eine Kehrichtverbrennungsanlage gibt es in Slowenien nicht. Alles was nicht recycliert werden kann geht unter die Erde, nach wie vor.

In Slowenien steht man bezüglich Recycling bestimmt an einer ganz anderen Stelle als in der Schweiz. Das Bewusstsein der Menschen gegenüber dem Abfall der automatisch Tag für Tag anfällt muss erst noch geschaffen werden. Diese Aufgabe übernimmt hier in Slowenien nicht der Staat sondern es sind unzählige private Initiativen, die versuchen das Verhalten der Menschen zu beeinflussen. Doch so lange der Staat nicht eine Infrastruktur zur Verfügung stellt, die gute Intentionen unterstützt, werde Versuche, umweltbewusster zu leben, leise im Sand versickern.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Figge Müli

Auf Sloweniens Grossbaustellen wird noch immer zu einem grossen Teil in der vormals jugoslawischen Landessprache gesprochen. Viele Bauarbeiter kommen aus Bosnien-Hercegowina.

Sie hantierte mit den Putzeimern im Erdgeschoss des Bürogebäudes in welchem auch die Berlitz Schule untergebracht ist. Es war acht Uhr abends und ich hatte eben meine wenigen Deutschstunden an diesem Tag beendet. Ich kannte sie bereits. Wir hatten einige Male zuvor miteinander gesprochen. Ich wusste dass sie deutsch sprach, denn vor zwei Wochen hat sie mich gefragt, ob der Begriff Wachfrau auf deutsch existiere. Dies sei nämlich eigentlich ihr Beruf. Ich wusste damals keine Antwort. Wachmann war mir ein Begriff. Aber Wachfrau? Erst zwei Tage später, als ich sie im Bürogebäude wiedertraf, sagte ich ihr, dass sie wahrscheinlich mit Wachpersonal am besten durchkomme. Wachpersonal also, okay, vielen Dank.
Sie ist eine Frau vielleicht Mitte Vierzig. Eigentlich habe sie zwei Berufe meinte sie gestern zu mir: Lebensmittelingenieurin und seit wenigen Monaten eben Wachpersonal. Für den letzteren Beruf habe sie eine Ausbildung besucht, die sie Tausend Euro gekostet habe. Dort lernte man Sicherheistanlagen zu bedienen, Alarmanlagen aus und einzuschalten. Ich stelle mir vor, dass dieser Berruf etwas Ähnliches ist wie bei uns in der Schweiz die Securitas. Doch irgendwie habe ich so ein ganz anderes Bild der Securitas vor mir. Ich sehe einen älteren, hochgewachsenen Herrn mit grossem Schnurrbart vor mir, der mit Tausend Schlüsseln und einer übergrossen Taschenlampe bestückt, die er im Notfall auch als Schlagstock einsetzen kann, nächtlich durch leere Bürogebäude wandelt. Aber ob es das hier in Slowenien auch gibt? Als Wachpersonal hat die Frau, die nun eben als Putzfrau arbeitet, keine Arbeit gefunden. Der Gedanke plagt sie, ob sie nicht vielleicht die Tausend Euro in den Sand gesteckt hat. Doch jeden Abend schalte sie zu Hause den Computer ein und suche nach Arbeitsstellen. Für Dutzende habe sie sich bereits beworben.
Als ich im letzten Februar hier in Maribor endlich eine Arbeit gefunden hatte, war ich darob überglücklich. Es schien fast wie ein kleines Wunder, sprach ich doch damals noch viel weniger slowenisch als heute. Doch ehrlich gesagt machte sich bald darauf auch etwas Ernüchterung breit. Denn mit den acht Euro, die ich pro Lektion verdiene, schaffte ich es monatlich auf Durchschnittlich 400 bis 500 Euro. Zudem verbrachte ich in den ersten Monaten pro Woche rund fünf Stunden im Auto um zu meinen Studenten zu fahren. Die Fahrkosten konnte ich zwar in Rechnung stellen, die Zeit jedoch nicht. Bald werde ich wohl ein anständiges Pensum kriegen und so vielleicht an die dreissig Stunden pro Woche arbeiten können. Ich werde dann knapp Tausend Euro pro Monat verdienen und damit einen überdurschnittlich hohes Gehalt haben!
Die Putzfrau im Bürogebäude, in welchem auch die Sprachschule Berlitz untergebracht ist, verdient netto 700 Euro. Ob sie alleine mit diesem Monatslohn durchkommen muss weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass in Slowenien sehr viele Menschen von Monatslöhnen unter Tausend Euro leben müssen und leben können. Bedenkt man, dass eine durchschnittliche Wohnung gut und gerne 300 bis 400 Euro kostet und dass die Lebensmittel im Supermarkt in etwa gleich teuer sind wie diejenigen in der Schweiz, so gleicht dies einem kleinen Wunder. Dies bestätigte mir auch ein Sozialarbeiter aus der Stadt Ruse, mit welchem ich kürzlich ein längeres Gespräch geführt habe. Für ihn ist es ein Wunder, wie Menschen hier in Slowenien mit diesen kleinen Monatslöhnen durchkommen.
Eines ist sicher: Sparen liegt unter diesen Umständen nicht drin. Das Wachpersonal, das Lebensmitteltechnik studiert hat und nun als Putzmannschaft in Bürogebäuden arbeitet, hat am Ende des Monats bestimmt nichts auf der Seite. Man lebt, man überlebt bestimmt sehr gut, aber viel mehr auch nicht.
Sparen. Das ist etwas was den Menschen in der Schweiz irgendwie in die Wiege gelegt wurde. Das Sparen ermöglicht uns erst Dinge zu tun, die über den gängigen Alltag hinaus gehen. Sparen ermöglicht uns erst zu Reisen, neue Länder, Menschen und Kulturen kennen zu lernen; all diese Dinge zu tun die für mich persönlich einen sehr hohen Stellenwert haben. Mit meinem Gehalt hier in Slowenien werde ich bestimmt nicht sparen können. Dafür muss ich immer mal wieder in die Schweiz reisen um dort zu arbeiten. Im Müli Spiel nennt man diese Situation doch „Figge-Müli“, nicht?


Montag, 3. Oktober 2011

Bildgalerie aktualisiert



Die lange Zeit vernachlässigte Bildgalerie der gehcrew wurde endlich mal wieder aktualisiert. Zu sehen sind einige Fotos vom Frühjahr bis zum Spätsommer dieses Jahres. Bilder aus Slowenien, Kroatien, Ungarn und der Schweiz. Und natürlich gibts den Jurij zu sehen....

Sonntag, 2. Oktober 2011

Logarska Dolina




Kurz bevor die Strasse in Richtung Wanderparadies Logarska Dolina immer enger und enger wird und sich schliesslich beinahe nahtlos an das kristallklare Wasser der Savinja, die in eben diesem Wanderparadies ihren Ursprung hat anschliesst, passieren wir eine Tankstelle am Strassenrand. „Erinnerst du dich an dieses Signet?“, fragt Sascha, die das Auto fährt Boris, der neben ihr sitzt. „Ja natürlich, diese Schilder gab es früher überall, das war unsere Tankstelle“, meint Boris. Sascha ist Slowenin und kommt aus der Region Dolenska. Boris kommt aus Bosnien-Hercegowina, aus Banja Luka. Beide lebten bis 1991 im gleichen Land und beiden kennen noch heute das Signet der vormals jugoslawischen „Petrol“ Tankstelle auswendig. Da steht es am Strassenrand; gross, schwer, fest und bestimmt in den letzten Jahren immer wieder neu gestrichen, denn von Rost keine Spur. Jemand scheint dieses Signet hier zu pflegen.
Mit Boris, Sascha und Pintas besteigen wir später den Kamensko Sedlo, den steinernen Sattel. Auf rund 1900 Meter gelegen, haben wir von dort oben einen fantastischen Ausblick auf die Bergkette, die sich wie ein Halbkreis rund um das Logarska Dolina, das Logarska Tal, zieht. Man kriegt Lust höher hinauf zu steigen, auf den Brana oder sogar auf den Planjava, der mit seinen beinahe 2400 Meter stolz in der fantastischen Landschaft steht. Boris und ich schmieden Pläne, wie wir nächstes Jahr uns dieser Berge annehmen werden während Sascha zum Abstieg mahnt. Unten in Logarska Dolina angekommen schmerzen uns die Beine und wir sind froh, haben wir den oftmals kritischen Abstieg sicher überstanden.
Eigentlich wollten wir ja zuerst den Triglav besteigen an diesem Wochenende. Vielleicht üben wir uns vorher doch noch einige Male an anderen Bergen...


Mittwoch, 28. September 2011

Moj market


Bild: Nicht der erwähnte moj market sondern ein seit längerer Zeit geschlossener Laden an der Ruska Cesta. Diese Strasse ist bekannt dafür, dass hier viele Roma leben. Anscheinend werden sie nicht von allen sehr geschätzt...


Er war nicht moj market – mein Supermarkt. Aber es war ein Laden, welcher zu Fuss in wenigen Minuten von unserer Wohnung aus erreichbar war. Es war ein Supermarkt der besonderen Art. Einer jener Vertreter, bei welchen man den Untergang fühlt, gleich nachdem man den ersten Schritt in den Laden hinter sich hat. Gross in der Fläche war das Angebot dermassen klein, dass man das ganze Sortiment problemlos auf die grösse eines mittleren Kiosk hätte reduizieren können. Deshalb standen dann die Orangensäfte, von welchen es eine einizige Sorte gab, in meterlangen Reihen auf den Gestellen und füllten mit ihrer Präsenz eine ganze Wand aus. Nahm man einen Saft aus dem Regal, dann klaffte an dieser Stelle wo eben noch der Saft gestanden hatte, eine Lücke im Gestell, die an eine Zahnlücke im Gebiss eines Menschen erinnerte. Moj market war dem Untergang geweiht, man wusste es.
Ein Freund aus Maribor hat mir erzählt, dass er mehrere solche Supermärkte kennt. Läden die unmöglich funktionieren können, die zu 100% den Gesetzen des erfolgreichen Marktes wiedersprächen. Läden in welchen Produkte verkauft würden, die niemand kaufen wolle und in welchen die Deckenbeleuchtung dermassen auf Sparflamme gehalten würde, als wolle man so wenig Kosten wie nur möglich mit diesem Laden generieren. Die Frage kommt auf, ob diese Läden bewusst so gehalten werden. Die Frage kommt auf, ob es vielleicht nicht Sinn und Zweck dieser Läden sei, Produkte zu verkaufen sondern viel mehr als Laden zu existieren. Freilich, Sinn macht das Ganze nicht. So wenig Sinn wie der Laden als Laden selbst.

Doch da gibt es auch noch die andere Geschichte von moj market. Es ist die Geschichte eines Mannes, den ich jedes einzelne Mal beim erneuten Versuch vielleicht doch etwas Sinnvolles in eben diesem Supermarkt zu finden, vor dem Geschäft angetroffen habe. Dort stand er vor der Glaswand des Supermarktes, in der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette. Sein Fahrrad lehnte an der Wand, direkt neben dem Bankomaten der KBM, der sich bei moj market eingemietet hatte. Dort stand er dann, trank sein Bier, rauchte seine Zigarette und schaute einem zu, wenn man den Laden betrat. Der Mann hatte langes, ziemlich ungepflegtes Haar und sein ganzes Äusseres sprach davon, dass er bestimmt mehr Zeit hier vor dem Laden verbrachte als zu Hause im Badezimmer.

Vor einigen Tagen habe ich festgestellt, dass moj market seine Regale geräumt hatte. Zu meinem erstaunen stand der Mann noch immer vor dem geschlossenen Supermarkt und sein Fahrrad stand neben dem Bankomaten der KBM. In der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette.
Doch unterdessen ist der Mann verschwunden. In den letzten Tagen habe ich ihn dort nicht mehr gesehen.

Nun gibt es zum 2000 Quadratmeter grossen Einkaufszentrum Q’Landia nur noch eine Alternative für uns, die auch zu Fuss bequem erreichbar ist. Es ist dies ein etwas grösserer Kiosk, in welchem eine alte Frau wahrscheinlich seit Jahren Waren verkauft. Wollte man sich ausschliesslich von diesem Kiosk ernähren, dann gäbe es ausser Teigwaren und Reis kaum was zu futtern. Doch es gibt gute Gründe für mich, immer wieder in diesem Kiosk etwas einzukaufen. Die Verkäuferin kennt mich und Jurij bereits und letztes Mal hat mein Sohn, welcher bereits ein kleiner Charmeur ist, eine Banane geschenkt gekriegt. Einkaufen am Kiosk ist jedes Mal auch eine persönliche Begegnung die nicht durch das Piepsen der Scannermaschine gestört wird. Diese kleinen Einkaufsgeschichten sind es mir wert, dass ich anstelle der Bio-Vollmilch auch immer mal wieder eine langlebige UHT Milch vom Kiosk erstehe; einen Kühlschrank gibt es dort nämlich nicht.

Mittwoch, 21. September 2011

Entleichung am Balaton



Die ungarische Sprache ist bekannt dafür, dass sie Wörter, die ziemlich in allen mir bekannten Sprachen ähnlich klingen, neu erschafft. Ein schönes Beispiel dafür finde ich den Begriff Rendorsèg. Ruft man dieses Wort im Stadtzentrum laut heraus, dann tauchen früher oder später uniformierte Beamte auf um sich zu erkundigen, was das Problem sei. Rendorsèg, das bedeutet Polizei.

Mit Boris war ich vergangenes Wochenende mit dem Fahrrad am Balatonsee in Westungarn. Die zwei Tage bleiben in unvergesslicher Erinnerung. Doch das ist eine andere Geschichte.

Auf der Halbinsel Tihany besuchten wir den Strànd (ausgesprochen wie Strònd und wohl eines der einfachsten Wörter in der ungarischen Sprache). Beim Betreten des Strànd konnte ich es mir nicht verwehren die Ordnung des von der Brillo GmbH. betriebenen Freibades zu lesen. Besonders spannend fand ich den Punkt sieben in der Ordnungsbeschreibung. Es ist zu hoffen dass es am Strànd von Tihany nicht allzu oft zu Entleichungsmassnahmen kommt.

Freitag, 16. September 2011

Stara Baska




Es ist ein Wechsel von einer Welt in eine andere. Oben das helle, klare Licht in einem strahlendblauen Spätsommerhimmel. Unten ein kühler, samtener Glanz, ein Funkeln und Glitzern, ein sich Verständigen mit dem Licht der Sonne, das wellenartig sich seinen Weg ins Meer erschleicht, einsinkt in diesen matten Glanz, tiefer und tiefer sinkt und sich im Dunkel und in der Kälte verlieren würde, befänden wir uns statt an der Küste im weiten, offenen Meer. Oben die Geräusche der bekannten Welt, das plätschern des Wassers das verspielt auf sich selber schlägt, das Schreien zufriedener Kinder, die mahnenden Rufe verängstigter Eltern, ab und zu ein Flugzeug und ansonsten angenehme Ruhe. Nach unten dringen nur selten Geräusche aus der bekannten Welt, alles ist wie in Watte gepackt, alles scheint sich hinter einer Unzahl verschlossener Türen abzuspielen. Die eigenen Geräusche der Welt da unten höre ich nicht, weiss nicht wie sie klingen, weiss nicht worauf ich mich achten soll.
An der Küste entlang schwimmend wechsle ich von einer Welt in die andere. Tauche unter, tauche tiefer und schwimme über die funkelnden Steine, die aussehen als leuchteten sie von innen heraus. Doch mein Atem gibt mir nur kleine Verschnaufspausen um diese Welt da unten zu bestaunen. Immer wieder muss ich nach oben, muss Luft holen, muss diese Grenze von oben und unten durchbrechen.

Die obere Welt scheint mir bekannt, scheint mir vertraut. Die untere Welt ist mir neu und ich scheue mich vor ihr. Sie fasziniert mich aber nur solange ich mich in dieser Übergangsphase von unten und oben befinde. Nur so lange wie ich sehen kann und wie die Geräusche von oben wie durch Watte auf mein Trommelfell treffen.

Oben und unten; mir wird bewusst wie sehr wir doch an diese Erde gebunden sind. Wir kleben auf der Kruste, wandern über sie, leben auf ihr und streben doch immer wieder von ihr Weg. Unsere Bemühungen sind auch immer nur von kurzer Dauer, denn schon bald kommen wir entweder von oben oder von unten in unsere Welt zurück.

Man braucht nur einzutauchen in die Welt da unten und man merkt; hier bin ich nicht zu Hause. Die Sorgen, Freuden und Probleme der Welt da oben verhallen hier ungehört. Das Leben hier unten kümmert sich nicht um die Finanzkrise oder um den Sturz eines Diktators. Die Zeit hat es auf seiner Seite. Sie misst sich nicht mit ihr.

Später gehe ich in die Berge um auf das Meer hinunter zu schauen. Die karge, schroffe, die durch und durch unwirtliche Landschaft empfängt mich im Vergleich zum Meer mit offenen Armen. Die Landschaft ist mir bekannt und ich liebe diese wohlriechenden Wüsten sehr. Überall durchziehen Mauern und Mauerreste die Landschaft wie Narben auf einer alten, runzligen Haut. Meine Schuhe bringen Steine ins Rollen und Steine scheuchen Schafe unter den wenigen, schattenspendenden Bäumen hervor. Sie rennen in der brütenden Sonne einige Meter weit, bleiben dann stehen und schauen mich fragend an.
Überall diese Mauern, scheinbar sinnlos stehen sie in der Landschaft. Wer hat sie errichtet und aus welchem Grund? Man sagte mir, dass hier früher blühende Gärten gewesen seien. Das kannst du dir heute nicht mehr vorstellen, was? Die Augen der alten Frau leuchten sanft. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Geblieben sind also diese Mauern.

Später zu Hause, als ich mir eine Fotographie, die ich von den Mauern gemacht habe, etwas genauer anschaue erkenne ich in den langgezogenen Bauwerken das Bild eines spielenden Mädchens. Die Mauern, die das Geschöpf bilden, befinden sich auf einem Hügel, den ich noch nicht bewandert habe. Bei meinem nächsten Besuch in Stara Baska werde ich dorthin gehen.



Montag, 5. September 2011

Lendavske Gorice


Die Hügel, welche in Lendava die Grenze zwischen Slowenien und Ungarn bilden nennt man Lendavske Gorice; Lendava Hügel. Es sind wunderschön geschwungene Linien, die sich wie ein Netz im Gebiet Prekmurije nach vielen Kilometer Ebene endlich mal wieder etwas in die Höhe schwingen. Diese Hügel sind durchsetzt mit zahlreichen Weinbergen, welche in dieser Jahreszeit voller kleiner, süssen Trauben sind. Noch hat die Weinlese hier nicht begonnen, doch dieses Jahr wird sie wohl früher als in anderen Jahren über die Bühne gehen.
Die Lendava Hügel werden bereits seit langer Zeit bewirtschaftet. Bereits vor 150 Jahren bauten sich Menschen aus der Ebene hier ihre „Wochenend-Häuschen“. Mindestens zwei Mal pro Jahr zog dann die ganze Familie, mit Huhn, Kuh und Kegel in die Hügel um das Land zu pflegen, zu bewirtschaften oder um die Ernte einzubringen. Dauerhaft gelebt hat man hier wohl kaum. Die Menschen in jener Zeit haben sich aus heutiger Sicht wunderschöne, kleine Häuschen gebaut. Häuser, die aus unseren Augen betrachtet, eine ländliche Idylle ausstrahlen, nach der wir uns irgendwie zurück sehnen, die wir aber nie mehr erreichen werden. Nur noch ein paar wenige dieser alten, traditionellen Häuser stehen heute in den Hügeln oberhalb Lendavas. Fast alle sind dem Zerfall nahe, benutzt werden vielleicht noch zwei. Die Mauern der Häuser bestehen aus einem Holzgerüst, welches man mit einer Mischung aus Lehm, Erde und Stroh ausfüllte. Das Dach bestand vollständig aus dick gebündeltem Schilf welches man am Balatonsee, rund 100 Kilometer östlich in Ungarn geschnitten hatte. Im Sommer musste es in diesen Häuschen angenehm kühl gewesen sein.
Janez erzählte, wie der nationale Denkmalschutz Sloweniens vor einigen Jahren die damals noch benutzten Häuschen unter seine Obhut gestellt hatte. Kurze Zeit später waren alle Häuser unebwohnt und begannen wirklich zu verfallen. Wie war das möglich? Der Denkmalschutz wollte alles so erhalten wie es war, man sollte die Häuser lediglich sanieren und durfte nichts vollständig erneuern. Auch wurde den Besitztern verboten, das Haus ihren Bedürfnissen entsprechend umzugestalten; zum Beispiel einen Weinkeller anzubauen. Die Folge davon war, dass die Häuser nicht mehr bewohnbar waren weil man ihnen den Sinn genommen hatte. Historisches historisch erhalten ohne daraus ein Museum zu machen ist wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit. Denn das Leben bleibt nicht stehen, es entwickelt sich weiter und strebt vorwärts. Die alten, unter Schutz stehenden Weinhäuser konnten mit Entwicklung nicht mithalten. Heute hat niemand mehr etwas von Ihnen, weder der Wanderer welcher einen Spaziergang in den Weinbergen geniesst, noch der Winzer welcher hier seinen Wein anbaut.
Die Häuschen, die heute in Lendavske Gorice gebaut werden sind weitaus simplerer Natur. Häufig bestehen sie aus einer unverputzten Backsteinmauer und wenn man Glück hat haben sie auch ein Ziegeldach. Zwar zieren nach wie vor Geranien die Fenstersimse dieser Häuser, die Idylle ist aber irgendwie verschwunden. Stil und bauliche Schönheit ist eine Frage des Geschmackes, ich weiss. Auch ist heute ewas schön und interessant, was morgen bereits als grosses Fragezeichen in der Landschaft steht. Mir scheint es aber doch, dass die Menschen früher ihrem Wohn- und Lebensort mehr Stil und Schönheit beschert haben. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand unverputzte Backsteinmauern schön findet.

„Ma maison et mon château“, dieser Satz bleibt mir aus dem Französisch Unterricht wohl ein Leben lang im Gedächtnis. Ein Schloss definiert sich demnach nicht über seine Grösse oder seinen Umschwung, sondern rein dadurch, dass man es für sich zu einem Schloss macht. Hier lebe ich; nennt mich König, Kaiser, Fürst oder auch einfach bei meinem Vornamen. Das ist mein zu Hause und ich bin stolz darauf.



Donnerstag, 1. September 2011

Blatuša

Seit vielen Monaten wurde Blatuša immer mal wieder erwähnt. „Wann gehen wir nach Blatuša?“ „Bald gehen wir nach Blatuša!“ „Wo zum Teufel liegt denn eigentlich Blatuša?“ „Was ist Blatuša?“

Blatuša ist ein Dorf südöstlich von Karlovac, im Norden Kroatiens. Ein Gebiet das bis zu den Kriegsjahren ab 1991 auch von Serbinnen und Serben bewohnt wurde. Einige Dörfer waren gänzlich in serbischen Händen; so ein Dorf war Blatuša. Die Menschen mussten als einfache Bauern gearbeitet haben, davon zeugen die noch stehenden Holzhäuser und Ställe, die verstreut in der mal waldigen, mal von Wiesen durchsetzten Gegend stehen. Nach dem Krieg war die Gegend um einige Menschen ärmer. Die Häuser, die vormals von Serbinnen und Serben bewohnt waren, standen nun leer und begannen im Laufe der Jahre immer erbärmlicher auszusehen. Auch Blatuša lag viele Jahre lang verlassen da, die Besitzer der Häuser waren entweder verstorben oder seit Jahren in Serbien wohnhaft.



Vor drei Jahren hat Robert, das halbe Dorf aufgekauft. Mehrere alte Häuser und vor allem viel, viel Land. Dieses Land bewohnt er seither zusammen mit zehn anderen Menschen. Blatuša ist ein Laboratorium für „selbstverwaltetes“ Leben geworden. Robert, ein professioneller Musiker, der sich vorher weder für biologischen Landbau noch für Ökohäuser interessiert hatte, wurde innert kurzer Zeit zu einem Fachmann auf diesen Gebieten. Durchs Internet und durch Freunde hat er gelernt wie man mit einfachsten Mitteln Häuser bauen kann, die nicht viel kosten, aus 100% natürlichen Materialien bestehen und denen auch das oftmals rauhe Klima Nordkroatiens nichts anhaben kann. Häuser, gebaut aus Holz, Stroh und Lehm. Häuser, die in ihrer Form an Hobbithöhlen erinnern. Häuser, die eine gemütliche Wärme ausstrahlen und die man auf den ersten Blick gerne bewohnen würde. Bisher tun dies gut zehn Menschen. Roberts Idee ist, dass in der nächsten Zeit mehr und mehr Menschen sich der „Gemeinschaft“ anschliessen. Wer will kriegt bei Robert in Blatuša Land, Material und Wissen, damit man sich sein eigenes Haus bauen kann. Natürlich braucht es auch etwas Geld; ganz kostenlos ist das Bauen eines solchen Ökohauses nicht. Aber mit 1500 Euro hat man bestimmt ein bewohnbares Haus.



Die Lanschaft rund um den Ort Blatuša herum hat etwas magisches, märchenhaftes. Über einen Waldweg führt uns Robert zu einer Lichtung die leicht abfallend sich weit hinunter in ein Tal erstreckt. Die ganze Lichtung ist überwachsen mit Farn. Nur Farn, soweit das Auge reicht. „Hobbitland“, nennt Robert diesen Ort. Hier sollen einst Erdhäuser stehen, so wie man sie von den Hobbits her kennt. Mitten durch dieses Farn hindurch schreitet eine Gestalt, ein Buschmesser über die Schultern gehängt, in selbstgefertigten Lederhosen und Mokkasins, gleicht die kleine Gestalt mit den langen grauen Haaren und dem nicht minder langen Bart einem Zwerg, der im Lande der Hobbits untergekommen ist. Der Mann umarmt mich, lange, und lässt nicht los. Dabei nennt er seinen Namen; Akin. Und meint schliesslich: Willkommen zu Hause. Akin kommt aus Tschechien, doch seine fahrende Wohnung, ein umgebauter Bauwagen, erzählt davon, dass Akin dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufhält. Während mindestens einem Monat wird sein zu Hause Blatuša sein. Dort findet im September das „Rainbow gathering“ statt. „Rainbow“.... Hier treffen sich „Hippies“ aus ganz Europa. Einige von ihnen fahren von einem „Rainbow“ zum nächsten. Leben mal in Portugal, mal in Spanien, Tschechien oder eben Kroatien. Was wird während eines „Rainbow gathering“ gemacht, will ich von Robert wissen. Die Antwort ist sehr unklar. Bei diesem „Rainbow“ gehe es ums Heilen, so viel habe ich verstanden. Robert will anscheinend die Energien in Blatuša wieder ins Lot bringen. So werden nun bald, dort wo vor 20 Jahren Menschen mit Maschinengewehren bestückt durch die Büsche schlichen, Tantra Seminare abgehalten und Erdhäuser gebaut werden. Blatuša ist diesem Wandel bestimmt dankbar.




Auf dem Weg zurück in die Zivilisation fahren wir an einigen Bauern vorbei, die in der Umgebung von Blatuša ihre Felder bestellen. Alle winken uns zu. Mit unserem slowenischen Nummernschild wird wohl allen klar sein, dass wir zu Blatuša gehören. Und ich erinnere mich daran dass Robert erwähnte, wie gut die Gemeinschaft Blatuša von den Nachbarn aufgenommen worden ist. Zu Beginn hätten alle gedacht, dass Robert einer jener sei, der sich Land im grossen Stil unter den Nagel reissen würde um es dann ungenutzt verwildern und verkommen zu lassen. Inzwischen haben die Nachbarn ihre Meinung geändert. Die Gemeinschaft Blatuša ist von allen Seiten her akzeptiert worden.


Man muss ja auch keine Tantra-Seminare mögen, um zu sehen, dass in Blatuša etwas wirklich schönes entstehen kann.





Dienstag, 30. August 2011

Drug Tito




Lange hat es gedauert, bis ich endlich den Weg nach Kumrovec, zu einem kleinen, musealen Dorf an der slowenisch-kroatischen Grenze gefunden habe. Kumrovec wird als „Staro Selo“, als „Altes Dorf“ gehandelt. Man bezahlt Eintritt um die improvisierten Holzschranken zu passieren, welche die gepflasterte Dorfstrasse von der asphaltierten Strasse abtrennt. Nachdem ich mein Auto auf dem nahegelegenen Parkplatz abgestellt hatte, parkierte direkt neben mir ein Auto mit italienischem Kennzeichen. Bis an den Rand vollgepackt, strahlte die ganze Karre das reinste Feriengefühl aus. Ein mittelalterliches Paar stieg aus dem Auto aus und der Mann fragte mich in seiner Landessprache ob ich vielleicht ein Bisschen italienisch spräche. „Un poco“, meine Antwort. Ob hier das Grab von Josip Broz Tito zu finden sei, wollte der Mann weiter von mir wissen. Das Grab? Nein, das befinde sich in Belgrad. Die Enttäuschung war dem italienischen Paar ins Gesicht geschrieben. „Aber in diesem kleinen Dorf ist Tito auf die Welt gekommen, hier befindet sich sein Geburtshaus“, begann ich den Beiden zu erklären. „La casa natale!“ Die Freude war in die Gesichter der Beiden zurückgekehrt, sie bedankten sich bei mir und machten sich auf den Weg ins Staro Selo.
Die Kroaten machen kein grosses Aufsehen darüber, dass Tito in eben diesem Kumrovec vor 119 Jahren geboren wurde. Wären nicht die T-Shirts, Feuerzeuge und Postkarten mit dem Gesicht vom Mareshal im Souvenirladen zu erwerben und würde nicht die gusseiserne Statue des Oberpartisanen im Garten vor dem Häuschen stehen, man hätte keine Ahnung, dass in eben diesem Dorf der Mann zur Welt gekommen ist, der Jugoslawien während 36 Jahren führte und gestaltetet. Die Plakette, welche an Titos Geburtshaus befestigt ist trägt die Aufschrift: „Hier ist Freund Tito zur Welt gekommen“. Drug Tito, Freund Tito, ein Ausdruck den man in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien öfters zu hören bekommt. Wahrscheinlich nicht ganz so oft in Kroatien und Serbien. In Bosnien-Hercegowina jedenfalls war der Ausdruck „Drug Tito“ noch geläufig. Titos Bild in der post-jugoslawischen Gesellchaft hat sich selbstverständlicherweise im Laufe der Jahre stark geändert. Zumal anzumerken ist, dass er auch während seiner Lebzeit innerhalb seines Landes nicht jedermanns Freund gewesen war. Bei seinem Tod im Jahre 1980 galten ihm aber die Sympathien ganz Jugoslawiens und wohl grossen Teilen der Welt. Zu seinem Begräbnis in Belgrad sind Dutzende von Staats- und Regierungschefs erschienen. Der Zug mit seinem Leichnahm, welcher von durch halb Jugoslawien nach Belgrad tarnsportiert wurde, begleiteten Tausende von Jugoslawinnen und Jugoslawen weinend am Schienenrand stehend. Der Tod des Freund Tito war eine Tragödie für eine ganze Gesellschaft. Bald nach dem Tod Titos wurden die Probleme innerhalb Jugoslawiens immer offensichtlicher. Finanziell völlig am Boden begann der Vielvölkerstaat auseinderzubrechen, Jahre bevor der Krieg in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Hercegowina losging. Heute scheint Tito wohl nicht unschuldig für die Tragödie welche sich seit der Unabhängigkeit Sloweniens von Jugoslawien im Jahre 1991 abgespielt hat. Er war es schliesslich gewesen, der die Länder mit oftmals eiserner Hand zusammengehalten hat. Für ihn gab es keine andere Option als dieses Jugoslawien, dafür hat er gelebt und diesen Gedanken hat er auch mit in sein Grab nach Belgrad genommen. Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass das Mausoleum von Freund Tito in Belgrad langsam am verkommen sei. Die Dauerwachen vor dem Grab hätten sich aufgelöst und man spekuliere bereits darüber, dass viele Serbinnen und Serben das Grab Titos lieber an einem anderen Ort sähen... Ob diese Gerüchte war sind, das weiss ich nicht. Klar ist: noch immer kommen Jahr für Jahr Toursiten nach Kumrovec um das kleine Haus zu sehen in welchem im Jahre 1892 der Freund Tito zur Welt gekommen ist. Mich hat der Besuch der Geburtsstätte irgendwie auch seltsam berührt...