Mittwoch, 11. November 2009

Mostar; Batas Tour

Mostar 11.11.09
Bata ist in Mostar als Bosnier auf der kroatischen Seite zur Welt gekommen. Nach der Mittelschule wurde er 1991 zum Militärdienst einberufen, zuerst in Bosnien, dann später in Slavonien (Vukovar und Osijek). Er interessierte sich nicht für Politik und wusste vor seiner Einberufung wenig über die Machenschaften der Jugoslavischen Armee. So war es für ihn ein Schock als er in Kroatien Dienst tat. Glücklicherweise erlaubte man ihm bald, zurück nach Bosnien Hercegowina zu gehen, um in Mostar sein Studium zu beginnen.
Zurück in Mostar hatte sich die Stadt verändert; es lag eine bedrückende und beängstigende Spannung in der Luft. Bärtige Männer ohne Uniformen der jugoslavischen Armee patroulierten mit Maschinengewehren im Anschlag durch Mostar. Noch fielen keine Schüsse, doch dies war nur eine Ruhe vor dem Sturm. Sowohl die kroatische wie auch die serbische Seite, welche beide längst auf den Hügeln rund um Mostar in Stellung gegangen waren, warteten nur die Unabhängigkeitserklärung von Bosnien-Hercegwina ab um auch in diesem Land den Krieg zu entfachen.

Das westliche Ufer des Flusses Neredva war bereits vor dem Krieg mehrheitlich von Kroaten besiedelt. Auf der östlichen Seite des Flusses lebten mehrheitlich Muslime. Die beiden Seiten waren mit mehreren Brücken verbunden, wobei das Herzstück dieser Verbindungen die Stari Most aus dem 16. Jahrhundert war. Bata erzählte uns, dass alle Bewohner von Mostar diese Brücke als Seele der Stadt verstanden. Sie war wie eine Grossmutter, die jeder kannte und deren Furchen und Kratzer Spiegel der Jahrhunderte waren, die zu lesen vermochte, wer sich für ihre Geschichte interessierte. Diese Brücke wurde am 9. November 1993 mach monatelanger Bombardierung vollständig zerstört und die schweren Steinblöcke stürzten in die Neredva. Auf Fotografien sieht man die zerbombte Altstadt im Winter 1993; von den alten aus türkischer Zeit stammenden Steinhäuser steht keines mehr vollständig, alle Dächer sind eingestürzt aber die Brücke steht noch, zwar beschädigt, doch weiterhin als Verbindung zwischen Ost und West. Die kroatische Armee hätte diese Brücke zerstört, durch Granatenbeschuss vom Berg westlich der Neredva, auf dessen Spitze gleich nach dem Krieg ein 42 Meter hohes Kreuz aufgestellt wurde. Für Bata und seine Leute war dies seit jeher eine grosse Provokation von seiten der Kroaten. Ihre Antwort kam dann auch prompt: auf der anderen Flusseite, auf gleicher Höhe mit dem Kreuz, wurden mit grossen Steinen Buchstaben in den Berg gelegt und heute sieht man von der Altstadt aus das Bild der Stari Most hoch oben auf dem Berg und darunter die Inschrift: "BIH volimote" Bosnien Hercegowina, wir lieben dich. Solche Aktionen und viel Humor scheinen die einzigen möglichen Mittel zu sein, mit welchen sich die vorwiegend muslimischen Bewohner von Mostar wehren können.

Der Kriegsausbruch in Mostar kam für Bata unerwartet. Längst hatte sowohl die kroatische wie auch die serbische Armee hinter den Bergen Stellung bezogen und warteten die Unabhängigkeitserklärung von Bosnien Hercegowina ab. Die Detonation in der Militärkaserne, welche heute als riesige Ruine in der Ausfahrtsstrasse hinter dem Bahnhof steht, rissen ihn im Frühjahr 1992 aus dem Bett. Seither ist die Stadt nicht wieder zur Ruhe gekommen. Alles wurde unter Beschuss genommen und sieht man heute Bilder des zerstörten Mostar, kann man sich nur sehr schwer vorstellen, wo in diesen Tagen noch Menschen gelebt haben könnten.
Mostar wurde zu einem tödlichen Kessel; von der westlichen Bergseite her schossen kroatische Soldaten, von der östlichen Seite die serbischen Soldaten. Mostar und ihre Bewohner hatten das Pech genau auf der Front dieses wahnsinnigen Krieges zu leben, auf sie wurde von keiner Seite her Rücksicht genommen. Ab 1993 zogen immer wieder kroatische Soldaten durch den von ihnen kontrollierten Stadtteil. Sie klopften an alle Häuser und verjagten die letzten zurückgebliebenen Muslime. Viele wurden in Konzentrationslager gebracht und sind dort gestorben.
So klopfte es schliesslich auch an die Türe von Batas Familie. Er versteckte sich im Wandschrank und hörte von dort das Schreien des kroatischen Soldaten, die Mutter solle endlich sagen, wo sich Bata aufhalte. Bata versuchte uns das Gefühl zu beschreiben, welches ihm in diesem Moment aufkam. Es war ein Gefühl der völligen Gleichgültigkeit; alle Angst war verschwunden und mit ihr auch alle Hoffnung. Mit der Sicherheit dass er sterben würde trat er aus dem Wandschrank heraus und vor die Augen des kroatischen Soldaten, welchen er sofort als ehemaligen Schulkameraden erkannte. In diesem Moment hat sich Batas weiteres Leben entschieden; der Soldat beugte sich zu ihm und sprach leise auf ihn ein, dass er auf gar keinen Fall das Haus verlassen dürfe, was auch immer geschehe. Kurz darauf verliess der Soldat das Haus; Bata hat seither nie mehr was von ihm gehört. Er glaubt nicht, dass es ein Zufall gewesen ist, dass diese Schulkamerad an seine Haustüre klopfte, vielmehr ist er davon überzeugt, dass dieser junge Mann alles daran gesetzt hatte herauszufinden wo Bata wohnt um ihn noch Rechtzeitig warnen zu können. Aus welchen Beweggründen heraus er das gemacht hat, wird für Bata immer ein Rätsel bleiben. Eineinhalb Monate lang hielt sich Bata in der Wohnung eingeschlossen, eine längere Zeit auch bei der kroatischen Nachbarin, welche 12 muslimische Männer und Frauen in ihrer kleinen Wohnung untergebracht hatte. Als die Soldaten an ihre Haustüre klopften und von ihr wissen wollten ob sie Muslimen Unterschlupf gewähre antwortete sie: „Diesen Schweinen würde ich gleich selbst eine Kugel durch den Kopf jagen!“ Bata und die anderen Leute verstanden den Sinn dieser Worte sehr wohl.

Im Dezember 1993 gelang Bata, verseckt in einem Ambulanzwagen die Flucht. Sein Onkel fuhr ihn durch die Frontlinie nach Sarajevo, von wo aus er einen Bus nach Zagreb nahm. In Zagreb erreichte er den zweitletzten Bus nach Stockholm. Schweden und Norwegen waren damals die einzigen europäischen Länder, die noch Kriegsflüchtlinge aus Mostar aufgenommen haben. 13 Jahre verbrachte Bata in Schweden, während dem seine Schwester in London lebte und die Eltern in Norwegen. Nach dem Krieg traf sich die Familie jedes Jahr in Mostar. Vor drei Jahren haben Majda und ihr Bruder Bata in ihrer ehemaligen Wohnung in Mostar ein Hostel eröffnet. Im Wandschrank, wo sich vor 16 Jahren Bata vor den kroatischen Soldaten versteckt hatte, stehen heute wieder Besen und Fegbürsten.

Wenn Bata den Touristen seine Stadt Mostar zeigt, fährt er gerne auf einen Hügel am östlichen Neredva Ufer. Von dort aus hat man eine gute Aussicht auf die Stadt zu beiden Seiten des Flusses. Seit jeher ist die kroatische Seit die prosperierendere und städtischere in Mostar. Doch es ist verrückt zu sehen, dass auf der muslimischen Seite kein Haus mehr als 5 Stockwerke besitzt, währenddem jenseits der Neredva Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen. Dies ist laut Bata keineswegs ein Zufall, sondern es liegt im Interesse der kroatischen Einflüsse in Bosnien Hercegowina, dass der muslimische Teil der Stadt bewusst unterdrückt wird, im stillschweigenden Einverständnis der Regierung in Sarajevo. Bata hat uns immer wieder eingeschwärzt, dass wir keinem Einheimischen glauben sollen, wenn er etwas über die Geschichte seines Landes erzählte, auch ihm selber nicht. Die besten Bücher über den jugoslavischen Krieg hätten nicht Bosnier, Kroaten oder Serben geschrieben, sondern Engländer oder Amerikaner. Dass die Unterdrückung der Muslime auch heute noch stattfindet, könnten wir aber an einem einfachen Beispiel feststellen. Auf der kroatischen Seite der Stadt sucht man heute in einer Bar oder selbst in einem Supermarkt vergeblich nach Sarajevsko Pivo (Bier), in den Regalen steht ausschliesslich Karlovačko oder Ojusko, das kroatische Bier. Es ist ein kleines, aber eindeutiges Zeichen; eine Provokation im Sinne des 42 Meter hohen Kreuzes hoch über den Dächern von Mostar. Bata kann heute darüber lachen, gesteht auch ein, dass das kroatische Bier besser ist als das Bosnische... Lustig ist in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass es auf der kraotischen Seite der Stadt genau einen Supermarkt gibt, welcher Sarajevsko Pivo verkauft. Auf halber Strecke zwischen dem Stadtzentrum und dem Hostel gelegen, stehen dort einige Flaschen, halb versteckt hinter dem kroatischen Bier. Die Ursache für diese Anomalität ist klar; nach Batas Tour gehen regelmässig Backpacker in den Supermarkt und fragen nach Sarajevsko Pivo, wenn sie hören dass es hier nicht verkauft wird, verlassen sie höflich den Laden um ihre Einkäufe woanders zu tätigen. Man nenne es wie man will; die Kraft des Wassers auf dem Stein oder wie Backpacker die Welt verändern... Bata freut sich darüber.

Ich bin fasziniert von der Lebenskaft, dem Überlebenswillen eines grossen Teils der Bevölkerung dieser Stadt, für welchen mir Bata die Augen geöffnet hat. Der Krieg sei nicht zu Ende hat er immer wieder gesagt. Doch in dieser Aussage liegt keine Resignation denn wie ein Gegenpol des Schreckens erscheint auch immer wieder Batas Leitmotiv während seiner Tour: „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen!“

Kommentare:

  1. bravissimo Roger! interessante geschichte von diesem bata, auch wenn ich die formulierung "bärtige männer" im zusammenhang mit der feindlichen besetzung Mostars durch jugoslawische soldaten als stigmatisierend empfinde! nein, ehrlich, ihr erlebt ja geniale sachen mein lieber Rogi, da kann ich nur vor neid ergrünen und mit genugtuung an meine investition von 14 monaten reise denken. ich wüsste immer noch keine bessere investition von zeit und geld zu nennen! weiter so meine lieben viageros, gratuliere zu dem schönen und interessanten blog sowie zur wortschöpfung "einschwärzen" (wohl schon etwas zu lange im ausland gell?). a propos unterdrückung von muslimen: hier stimmen wir in einer woche über die schändliche anti-minarett initiative ab. stell dir vor, ein land dass ein minarettverbot in die verfassung schreibt... hijos de puta!! schadem, dass du zum abstimmen zu weit weg bist compaNero! sonstige news: wir sind U17 weltmeister im fussball und frankreich hat sich durch ein handspiel tierry henry's an die WM2010 gemogelt. alles liebe, dein flo

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  2. Lieber Roger
    Mi Interesse lese ich deinen Blog und bin in Gedanken ab und zu bei der Gehcrew. Wahnsinnig, was ihr alles durchgemacht und erlebt habt! Wenn du von Mostar und Sarajevo schreibst, so sehne ich mich wieder in diese Gegend zu kommen und mehr Zeit zu haben als bei unserer Durchreise im letzten Jahr. Hier in Bern und Hinterkappelen sind wir brav am Krüppeln und alles geht seinen gewohnten Lauf, ohne dass wir unterwegs sind...
    Take care of you, ich werde mich gerne weiter informieren, wie es weiter geht.
    Liebe Grüsse, Theres

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