Dienstag, 25. Oktober 2011

Wertschröpfung



Mein kurzer Einsatz als Gastarbeiter auf dem Gemüsehof von Michu Hurni ist nun auch bereits wieder zu Ende. Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag und wir haben uns nochmals so richtig ins Zeug gelegt. Die nachmittägliche Ernte von rund 10 Tonnen Kohl lässt sich sehen... Michael, mein Gastarbeiter Kollege und sein Chef werden nun auf jeden Fall während den nächsten Regentagen genügend Arbeit im Rüstraum haben.

Es war einmal mehr eine sehr lehrreiche Zeit für mich. Mit einer grossen Bewunderung schaue ich auf Michus unermüdliche Einsatz auf dem Gemüsebetrieb. Täglich ist der junge Bauer rund 12 Stunden auf den Beinen um die vielen anstehenden Arbeiten zu erledigen, die es eben braucht, bis das Gemüse verpackt in der Ablage von Migros oder Coop dem Kunden präsentiert wird. Erschreckend wenig schaut dabei für den Bauer selbst heraus; aus der finanziellen Perspektive betrachtet. Mit Verkaufsmarchen von manchmal mehreren hundert Prozent könnte man meinen, dass sein Teil der Arbeit nur ein kleiner sei. Dass dem nicht so ist habe ich nun mal wieder feststellen können. Eine Feld der raren Peterliwurz, auf welchem wir gut und gerne eine Woche beschäftigt waren um all die Rüben von Hand aus der Erde zu ziehen, bringt ihm nur einen Bruchteil dessen ein, was schliesslich der Verkauf der Ware im Detailhandel ausmacht. Das Geld geht also nicht zu jenen Menschen, die die Ware anpflanzen, pflegen und ernten als viel mehr zu jenen, die sie nur gerade verkaufen. Da läuft was Grundlegendes falsch. Dass dies nicht nur im "Gemüse Business" so läuft ist mir natürlich bewusst.


Übrigens: Die Kürbisse zur Produktion des Golatener Kürbiskernöl sind erntereif. Nun werden in den nächsten Tagen die Kerne entnommen und diese dann in die Presse gebracht. Auf das Resultat warten wir alle gespannt. Dass "daraus nix wird" würde ich demnach nicht behaupten!



Mittwoch, 19. Oktober 2011

Feldarbeit




Zwei arme Bauern arbeiten gemeinsam auf einem Acker als mit ohrenbetäubendem Getöse ein Kampfjet über ihren Köpfen vorbei donnert.
„Hast du gesehen, das Flugzeug ist mit Raketen bestückt“, meint der eine Bauer zum anderen. „Wie viel wohl nur eine solche Rakete kosten mag?“, fragte ihn der zweite Bauer. „Bestimmt mehrere zehn Tausend Euro“, weiss jener. Darauf erhebt der erste Bauer seine Hände trichterförmig zum Himmel und schreit: „Oh Gott, hab Erbarmen mit uns und wirf uns eine solche Bombe zu Füssen!“

Michael, der Saisonarbeiter aus der Slovakei, mit dem ich zur Zeit in Golaten arbeite, weiss viele solche Witze zu erzählen. Es ist seine Art von Humor und ich komme ganz gut zu Recht damit. Michael, der mit seinen 62 Jahren nun schon das vierte Jahr als Saisonarbeiter in der Schweiz verbringt scheint grundsätzlich dem Leben mit viel Humor entgegen zu treten. Doch dass da mehr als nur Witze Klopfen dahinter steckt habe ich schon längst gemerkt. Seine Persönlichkeit strahlt eine kindliche Verspieltheit und ein unerschrockener Optimismus aus, der hier auf den Felder von Golaten bestimmt seines Gleichen sucht.

Es kommt immer mal wieder vor, dass wir gemeinsam während mehreren Stunden Tonnen von Kabis rüsten, diesen in Kisten verpacken und feinsäuberlich auf Holzpalletten stapeln. Eine Arbeit die eigentlich eintöniger nicht sein könnte, denn die Bewegungsabläufe sind dermassen gleichmässig, dass ich mir bereits am ersten Tag eine Sehnenendzündung geholt habe, die auch nach Tagen noch nicht abgeklungen ist. Doch geflucht wird bei Michael über Arbeit nie: „Arbeit ist Arbeit“, pflegt er zu sagen und meint damit in etwa so viel wie, dass es schlechte und gute Arbeit nicht gibt. Arbeit muss erledigt werden und da fällt automatisch diese Einteilung weg.

Ich arbeite hier in der Schweiz täglich zehn Stunden pro Tag. Das ist viel, sogar für Schweizer Verhältnisse. Mein Chef bringt es gut und gerne auf zwölf Stunden pro Tag. Der Lohn fällt einem hier nicht in den Schoss, pflegt er zu sagen und meint damit wohl, dass man Geld bestimmt anderswo leichter verdienen könnte. Michael arbeitet acht Monate im Jahr als Saisonarbeiter in Golaten, den Rest des Jahres verbringt er mit seiner Frau und dem Kind in der Ukraine. Die Ukraine sei am Arsch, hat er mir heute gesagt, aber trotzdem ein herrlicher Ort zum Leben.
Solche Aussagen machen uns Schweizer stutzig und wir würden das gerne genauer erklärt haben, doch haben wir nicht die Geduld uns das bei Alkohol, Zigaretten und vielen Umschweifungen erklären zu lassen.

Samstag, 15. Oktober 2011

das Gemüse steht uns bis zum Hals

Bild: Unterwegs in die Schweiz


Seit zwei Tagen bin ich in der Schweiz. Bei meinem bald schon langjährigen Arbeitgeber in Golaten habe ich erneut eine temporäre Anstellung auf dem Gemüsebetrieb bekommen. Im Moment steht uns die Arbeit bis zum Hals, denn noch stecken weiss nicht wie viele Tonnen Kabis im Boden und auch die Petruschkas, die Peterliwurz, muss noch geerntet werden. Für mich ist es immer wieder erschreckend anzusehen, wie viel Gemüse weggeworfen, beziehungsweise den Kühen verfüttert wird (ok, die müssen auch was fressen, aber nicht unbedingt das, was ursprünglich für Menschen angebaut wurde..). Eben hat der Bauer 20 Tonnen Kartoffeln vom Prüfer zurückbekommen. Die Kartoffeln weisen Schlagschäden auf. Dadurch sind sie zwar noch lange nicht ungeniessbar, aber wie Konsumenten wollen ja nur das Beste. Die ehemalige Bäuerin des Betriebs nennt dies immer wieder eine Sünde. "Ist es nicht eine Sünde, so viele Lebensmittel wegzuwerfen?"

Ich selber kann mit dem Wort Sünde wenig anfangen. Bestimmt aber ist etwas in unserem Versorgungssystem völlig falsch gelaufen!

Freitag, 7. Oktober 2011

Ökologen ohne Grenzen

Bild: Im Sommer 2008 machte ich mit Teo eine Fahrradtour durch Rumänien. Im Süden des Landes trafen wir auf einen Wochenmarkt der seines Gleichen sucht. Schuhe und Kleider gab es dort im Zentner zu erwerben.



Die Ökologen ohne Grenzen sind in Slowenien seit ihrer äusserst erfolgreichen Kampagne "cleaning Slovenija in one day" in aller Munde. Der Verein beschäftigt im Moment elf Vollzeitangestellte und immer noch geht den Aktivisten die Arbeit nicht aus.

Diese Tage arbeitet Natasa zusammen mit den Ökologen ohne Grenzen. Gemeinsam haben sie eine Kleidertausch-Börse im Zentrum Maribos auf die Beine gestellt. Die Idee ist: Bringe Kleider die du nicht mehr brauchst und tausche sie gegen solche die du tragen möchtest. Doch hinter dieser ganz simplen Idee versteckt sich ein echtes Problem, welches die Aktivisten von Ökologen ohne Grenzen nun angehen möchten.

In Slowenien exisitiert nach wie vor kaum eine Kleidersammelstelle, es gibt demnach auch keine recyclage von Textilien wie das etwa in der Schweiz der Fall ist. Nun mag man denken: Textilien sind ja wohl das kleinste Problem in der grossen Abfallflut. Die Recherche von Barbara, eine der Aktivistinnen, zeigte aber ganz andere Resultate:

Alleine im Jahr 2006 wurden 18'000 Tonnen Textilien nach Slowenien importiert. Das entspricht 9 Kilogramm pro Kopf. Im gleichen Jahr wurden nur gerade 1,114 Tonnen Textilien in Sammelstellen zusammen getragen. Das entspricht knapp einem halben Kilogramm pro Kopf. Die Schlussfolgerung: Alleine im Jahr 2006 sind pro Kopf in Slowenien 8,5 Kilogramm Textilien irgendwo untergekommen. Die Frage ist nur, wo? Im Kleiderschrank? Im Abfall?

In Slowenien gibt es nach wie vor unzählige illegaler Abfallsammelstellen. Diesen haben die Ökologen ohne Grenzen nun den Kampf angesagt. Auf einer Internetplattform können diese Abfalldeponien gemeldet werden. Anschliessend werden Freiwillige gesucht (und auch gefunden) die diese Sammelstellen reinigen und den Abfall getrennt dem Staat übergeben. Eine Kehrichtverbrennungsanlage gibt es in Slowenien nicht. Alles was nicht recycliert werden kann geht unter die Erde, nach wie vor.

In Slowenien steht man bezüglich Recycling bestimmt an einer ganz anderen Stelle als in der Schweiz. Das Bewusstsein der Menschen gegenüber dem Abfall der automatisch Tag für Tag anfällt muss erst noch geschaffen werden. Diese Aufgabe übernimmt hier in Slowenien nicht der Staat sondern es sind unzählige private Initiativen, die versuchen das Verhalten der Menschen zu beeinflussen. Doch so lange der Staat nicht eine Infrastruktur zur Verfügung stellt, die gute Intentionen unterstützt, werde Versuche, umweltbewusster zu leben, leise im Sand versickern.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Figge Müli

Auf Sloweniens Grossbaustellen wird noch immer zu einem grossen Teil in der vormals jugoslawischen Landessprache gesprochen. Viele Bauarbeiter kommen aus Bosnien-Hercegowina.

Sie hantierte mit den Putzeimern im Erdgeschoss des Bürogebäudes in welchem auch die Berlitz Schule untergebracht ist. Es war acht Uhr abends und ich hatte eben meine wenigen Deutschstunden an diesem Tag beendet. Ich kannte sie bereits. Wir hatten einige Male zuvor miteinander gesprochen. Ich wusste dass sie deutsch sprach, denn vor zwei Wochen hat sie mich gefragt, ob der Begriff Wachfrau auf deutsch existiere. Dies sei nämlich eigentlich ihr Beruf. Ich wusste damals keine Antwort. Wachmann war mir ein Begriff. Aber Wachfrau? Erst zwei Tage später, als ich sie im Bürogebäude wiedertraf, sagte ich ihr, dass sie wahrscheinlich mit Wachpersonal am besten durchkomme. Wachpersonal also, okay, vielen Dank.
Sie ist eine Frau vielleicht Mitte Vierzig. Eigentlich habe sie zwei Berufe meinte sie gestern zu mir: Lebensmittelingenieurin und seit wenigen Monaten eben Wachpersonal. Für den letzteren Beruf habe sie eine Ausbildung besucht, die sie Tausend Euro gekostet habe. Dort lernte man Sicherheistanlagen zu bedienen, Alarmanlagen aus und einzuschalten. Ich stelle mir vor, dass dieser Berruf etwas Ähnliches ist wie bei uns in der Schweiz die Securitas. Doch irgendwie habe ich so ein ganz anderes Bild der Securitas vor mir. Ich sehe einen älteren, hochgewachsenen Herrn mit grossem Schnurrbart vor mir, der mit Tausend Schlüsseln und einer übergrossen Taschenlampe bestückt, die er im Notfall auch als Schlagstock einsetzen kann, nächtlich durch leere Bürogebäude wandelt. Aber ob es das hier in Slowenien auch gibt? Als Wachpersonal hat die Frau, die nun eben als Putzfrau arbeitet, keine Arbeit gefunden. Der Gedanke plagt sie, ob sie nicht vielleicht die Tausend Euro in den Sand gesteckt hat. Doch jeden Abend schalte sie zu Hause den Computer ein und suche nach Arbeitsstellen. Für Dutzende habe sie sich bereits beworben.
Als ich im letzten Februar hier in Maribor endlich eine Arbeit gefunden hatte, war ich darob überglücklich. Es schien fast wie ein kleines Wunder, sprach ich doch damals noch viel weniger slowenisch als heute. Doch ehrlich gesagt machte sich bald darauf auch etwas Ernüchterung breit. Denn mit den acht Euro, die ich pro Lektion verdiene, schaffte ich es monatlich auf Durchschnittlich 400 bis 500 Euro. Zudem verbrachte ich in den ersten Monaten pro Woche rund fünf Stunden im Auto um zu meinen Studenten zu fahren. Die Fahrkosten konnte ich zwar in Rechnung stellen, die Zeit jedoch nicht. Bald werde ich wohl ein anständiges Pensum kriegen und so vielleicht an die dreissig Stunden pro Woche arbeiten können. Ich werde dann knapp Tausend Euro pro Monat verdienen und damit einen überdurschnittlich hohes Gehalt haben!
Die Putzfrau im Bürogebäude, in welchem auch die Sprachschule Berlitz untergebracht ist, verdient netto 700 Euro. Ob sie alleine mit diesem Monatslohn durchkommen muss weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass in Slowenien sehr viele Menschen von Monatslöhnen unter Tausend Euro leben müssen und leben können. Bedenkt man, dass eine durchschnittliche Wohnung gut und gerne 300 bis 400 Euro kostet und dass die Lebensmittel im Supermarkt in etwa gleich teuer sind wie diejenigen in der Schweiz, so gleicht dies einem kleinen Wunder. Dies bestätigte mir auch ein Sozialarbeiter aus der Stadt Ruse, mit welchem ich kürzlich ein längeres Gespräch geführt habe. Für ihn ist es ein Wunder, wie Menschen hier in Slowenien mit diesen kleinen Monatslöhnen durchkommen.
Eines ist sicher: Sparen liegt unter diesen Umständen nicht drin. Das Wachpersonal, das Lebensmitteltechnik studiert hat und nun als Putzmannschaft in Bürogebäuden arbeitet, hat am Ende des Monats bestimmt nichts auf der Seite. Man lebt, man überlebt bestimmt sehr gut, aber viel mehr auch nicht.
Sparen. Das ist etwas was den Menschen in der Schweiz irgendwie in die Wiege gelegt wurde. Das Sparen ermöglicht uns erst Dinge zu tun, die über den gängigen Alltag hinaus gehen. Sparen ermöglicht uns erst zu Reisen, neue Länder, Menschen und Kulturen kennen zu lernen; all diese Dinge zu tun die für mich persönlich einen sehr hohen Stellenwert haben. Mit meinem Gehalt hier in Slowenien werde ich bestimmt nicht sparen können. Dafür muss ich immer mal wieder in die Schweiz reisen um dort zu arbeiten. Im Müli Spiel nennt man diese Situation doch „Figge-Müli“, nicht?


Montag, 3. Oktober 2011

Bildgalerie aktualisiert



Die lange Zeit vernachlässigte Bildgalerie der gehcrew wurde endlich mal wieder aktualisiert. Zu sehen sind einige Fotos vom Frühjahr bis zum Spätsommer dieses Jahres. Bilder aus Slowenien, Kroatien, Ungarn und der Schweiz. Und natürlich gibts den Jurij zu sehen....

Sonntag, 2. Oktober 2011

Logarska Dolina




Kurz bevor die Strasse in Richtung Wanderparadies Logarska Dolina immer enger und enger wird und sich schliesslich beinahe nahtlos an das kristallklare Wasser der Savinja, die in eben diesem Wanderparadies ihren Ursprung hat anschliesst, passieren wir eine Tankstelle am Strassenrand. „Erinnerst du dich an dieses Signet?“, fragt Sascha, die das Auto fährt Boris, der neben ihr sitzt. „Ja natürlich, diese Schilder gab es früher überall, das war unsere Tankstelle“, meint Boris. Sascha ist Slowenin und kommt aus der Region Dolenska. Boris kommt aus Bosnien-Hercegowina, aus Banja Luka. Beide lebten bis 1991 im gleichen Land und beiden kennen noch heute das Signet der vormals jugoslawischen „Petrol“ Tankstelle auswendig. Da steht es am Strassenrand; gross, schwer, fest und bestimmt in den letzten Jahren immer wieder neu gestrichen, denn von Rost keine Spur. Jemand scheint dieses Signet hier zu pflegen.
Mit Boris, Sascha und Pintas besteigen wir später den Kamensko Sedlo, den steinernen Sattel. Auf rund 1900 Meter gelegen, haben wir von dort oben einen fantastischen Ausblick auf die Bergkette, die sich wie ein Halbkreis rund um das Logarska Dolina, das Logarska Tal, zieht. Man kriegt Lust höher hinauf zu steigen, auf den Brana oder sogar auf den Planjava, der mit seinen beinahe 2400 Meter stolz in der fantastischen Landschaft steht. Boris und ich schmieden Pläne, wie wir nächstes Jahr uns dieser Berge annehmen werden während Sascha zum Abstieg mahnt. Unten in Logarska Dolina angekommen schmerzen uns die Beine und wir sind froh, haben wir den oftmals kritischen Abstieg sicher überstanden.
Eigentlich wollten wir ja zuerst den Triglav besteigen an diesem Wochenende. Vielleicht üben wir uns vorher doch noch einige Male an anderen Bergen...


Mittwoch, 28. September 2011

Moj market


Bild: Nicht der erwähnte moj market sondern ein seit längerer Zeit geschlossener Laden an der Ruska Cesta. Diese Strasse ist bekannt dafür, dass hier viele Roma leben. Anscheinend werden sie nicht von allen sehr geschätzt...


Er war nicht moj market – mein Supermarkt. Aber es war ein Laden, welcher zu Fuss in wenigen Minuten von unserer Wohnung aus erreichbar war. Es war ein Supermarkt der besonderen Art. Einer jener Vertreter, bei welchen man den Untergang fühlt, gleich nachdem man den ersten Schritt in den Laden hinter sich hat. Gross in der Fläche war das Angebot dermassen klein, dass man das ganze Sortiment problemlos auf die grösse eines mittleren Kiosk hätte reduizieren können. Deshalb standen dann die Orangensäfte, von welchen es eine einizige Sorte gab, in meterlangen Reihen auf den Gestellen und füllten mit ihrer Präsenz eine ganze Wand aus. Nahm man einen Saft aus dem Regal, dann klaffte an dieser Stelle wo eben noch der Saft gestanden hatte, eine Lücke im Gestell, die an eine Zahnlücke im Gebiss eines Menschen erinnerte. Moj market war dem Untergang geweiht, man wusste es.
Ein Freund aus Maribor hat mir erzählt, dass er mehrere solche Supermärkte kennt. Läden die unmöglich funktionieren können, die zu 100% den Gesetzen des erfolgreichen Marktes wiedersprächen. Läden in welchen Produkte verkauft würden, die niemand kaufen wolle und in welchen die Deckenbeleuchtung dermassen auf Sparflamme gehalten würde, als wolle man so wenig Kosten wie nur möglich mit diesem Laden generieren. Die Frage kommt auf, ob diese Läden bewusst so gehalten werden. Die Frage kommt auf, ob es vielleicht nicht Sinn und Zweck dieser Läden sei, Produkte zu verkaufen sondern viel mehr als Laden zu existieren. Freilich, Sinn macht das Ganze nicht. So wenig Sinn wie der Laden als Laden selbst.

Doch da gibt es auch noch die andere Geschichte von moj market. Es ist die Geschichte eines Mannes, den ich jedes einzelne Mal beim erneuten Versuch vielleicht doch etwas Sinnvolles in eben diesem Supermarkt zu finden, vor dem Geschäft angetroffen habe. Dort stand er vor der Glaswand des Supermarktes, in der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette. Sein Fahrrad lehnte an der Wand, direkt neben dem Bankomaten der KBM, der sich bei moj market eingemietet hatte. Dort stand er dann, trank sein Bier, rauchte seine Zigarette und schaute einem zu, wenn man den Laden betrat. Der Mann hatte langes, ziemlich ungepflegtes Haar und sein ganzes Äusseres sprach davon, dass er bestimmt mehr Zeit hier vor dem Laden verbrachte als zu Hause im Badezimmer.

Vor einigen Tagen habe ich festgestellt, dass moj market seine Regale geräumt hatte. Zu meinem erstaunen stand der Mann noch immer vor dem geschlossenen Supermarkt und sein Fahrrad stand neben dem Bankomaten der KBM. In der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen eine Zigarette.
Doch unterdessen ist der Mann verschwunden. In den letzten Tagen habe ich ihn dort nicht mehr gesehen.

Nun gibt es zum 2000 Quadratmeter grossen Einkaufszentrum Q’Landia nur noch eine Alternative für uns, die auch zu Fuss bequem erreichbar ist. Es ist dies ein etwas grösserer Kiosk, in welchem eine alte Frau wahrscheinlich seit Jahren Waren verkauft. Wollte man sich ausschliesslich von diesem Kiosk ernähren, dann gäbe es ausser Teigwaren und Reis kaum was zu futtern. Doch es gibt gute Gründe für mich, immer wieder in diesem Kiosk etwas einzukaufen. Die Verkäuferin kennt mich und Jurij bereits und letztes Mal hat mein Sohn, welcher bereits ein kleiner Charmeur ist, eine Banane geschenkt gekriegt. Einkaufen am Kiosk ist jedes Mal auch eine persönliche Begegnung die nicht durch das Piepsen der Scannermaschine gestört wird. Diese kleinen Einkaufsgeschichten sind es mir wert, dass ich anstelle der Bio-Vollmilch auch immer mal wieder eine langlebige UHT Milch vom Kiosk erstehe; einen Kühlschrank gibt es dort nämlich nicht.

Mittwoch, 21. September 2011

Entleichung am Balaton



Die ungarische Sprache ist bekannt dafür, dass sie Wörter, die ziemlich in allen mir bekannten Sprachen ähnlich klingen, neu erschafft. Ein schönes Beispiel dafür finde ich den Begriff Rendorsèg. Ruft man dieses Wort im Stadtzentrum laut heraus, dann tauchen früher oder später uniformierte Beamte auf um sich zu erkundigen, was das Problem sei. Rendorsèg, das bedeutet Polizei.

Mit Boris war ich vergangenes Wochenende mit dem Fahrrad am Balatonsee in Westungarn. Die zwei Tage bleiben in unvergesslicher Erinnerung. Doch das ist eine andere Geschichte.

Auf der Halbinsel Tihany besuchten wir den Strànd (ausgesprochen wie Strònd und wohl eines der einfachsten Wörter in der ungarischen Sprache). Beim Betreten des Strànd konnte ich es mir nicht verwehren die Ordnung des von der Brillo GmbH. betriebenen Freibades zu lesen. Besonders spannend fand ich den Punkt sieben in der Ordnungsbeschreibung. Es ist zu hoffen dass es am Strànd von Tihany nicht allzu oft zu Entleichungsmassnahmen kommt.

Freitag, 16. September 2011

Stara Baska




Es ist ein Wechsel von einer Welt in eine andere. Oben das helle, klare Licht in einem strahlendblauen Spätsommerhimmel. Unten ein kühler, samtener Glanz, ein Funkeln und Glitzern, ein sich Verständigen mit dem Licht der Sonne, das wellenartig sich seinen Weg ins Meer erschleicht, einsinkt in diesen matten Glanz, tiefer und tiefer sinkt und sich im Dunkel und in der Kälte verlieren würde, befänden wir uns statt an der Küste im weiten, offenen Meer. Oben die Geräusche der bekannten Welt, das plätschern des Wassers das verspielt auf sich selber schlägt, das Schreien zufriedener Kinder, die mahnenden Rufe verängstigter Eltern, ab und zu ein Flugzeug und ansonsten angenehme Ruhe. Nach unten dringen nur selten Geräusche aus der bekannten Welt, alles ist wie in Watte gepackt, alles scheint sich hinter einer Unzahl verschlossener Türen abzuspielen. Die eigenen Geräusche der Welt da unten höre ich nicht, weiss nicht wie sie klingen, weiss nicht worauf ich mich achten soll.
An der Küste entlang schwimmend wechsle ich von einer Welt in die andere. Tauche unter, tauche tiefer und schwimme über die funkelnden Steine, die aussehen als leuchteten sie von innen heraus. Doch mein Atem gibt mir nur kleine Verschnaufspausen um diese Welt da unten zu bestaunen. Immer wieder muss ich nach oben, muss Luft holen, muss diese Grenze von oben und unten durchbrechen.

Die obere Welt scheint mir bekannt, scheint mir vertraut. Die untere Welt ist mir neu und ich scheue mich vor ihr. Sie fasziniert mich aber nur solange ich mich in dieser Übergangsphase von unten und oben befinde. Nur so lange wie ich sehen kann und wie die Geräusche von oben wie durch Watte auf mein Trommelfell treffen.

Oben und unten; mir wird bewusst wie sehr wir doch an diese Erde gebunden sind. Wir kleben auf der Kruste, wandern über sie, leben auf ihr und streben doch immer wieder von ihr Weg. Unsere Bemühungen sind auch immer nur von kurzer Dauer, denn schon bald kommen wir entweder von oben oder von unten in unsere Welt zurück.

Man braucht nur einzutauchen in die Welt da unten und man merkt; hier bin ich nicht zu Hause. Die Sorgen, Freuden und Probleme der Welt da oben verhallen hier ungehört. Das Leben hier unten kümmert sich nicht um die Finanzkrise oder um den Sturz eines Diktators. Die Zeit hat es auf seiner Seite. Sie misst sich nicht mit ihr.

Später gehe ich in die Berge um auf das Meer hinunter zu schauen. Die karge, schroffe, die durch und durch unwirtliche Landschaft empfängt mich im Vergleich zum Meer mit offenen Armen. Die Landschaft ist mir bekannt und ich liebe diese wohlriechenden Wüsten sehr. Überall durchziehen Mauern und Mauerreste die Landschaft wie Narben auf einer alten, runzligen Haut. Meine Schuhe bringen Steine ins Rollen und Steine scheuchen Schafe unter den wenigen, schattenspendenden Bäumen hervor. Sie rennen in der brütenden Sonne einige Meter weit, bleiben dann stehen und schauen mich fragend an.
Überall diese Mauern, scheinbar sinnlos stehen sie in der Landschaft. Wer hat sie errichtet und aus welchem Grund? Man sagte mir, dass hier früher blühende Gärten gewesen seien. Das kannst du dir heute nicht mehr vorstellen, was? Die Augen der alten Frau leuchten sanft. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Geblieben sind also diese Mauern.

Später zu Hause, als ich mir eine Fotographie, die ich von den Mauern gemacht habe, etwas genauer anschaue erkenne ich in den langgezogenen Bauwerken das Bild eines spielenden Mädchens. Die Mauern, die das Geschöpf bilden, befinden sich auf einem Hügel, den ich noch nicht bewandert habe. Bei meinem nächsten Besuch in Stara Baska werde ich dorthin gehen.



Montag, 5. September 2011

Lendavske Gorice


Die Hügel, welche in Lendava die Grenze zwischen Slowenien und Ungarn bilden nennt man Lendavske Gorice; Lendava Hügel. Es sind wunderschön geschwungene Linien, die sich wie ein Netz im Gebiet Prekmurije nach vielen Kilometer Ebene endlich mal wieder etwas in die Höhe schwingen. Diese Hügel sind durchsetzt mit zahlreichen Weinbergen, welche in dieser Jahreszeit voller kleiner, süssen Trauben sind. Noch hat die Weinlese hier nicht begonnen, doch dieses Jahr wird sie wohl früher als in anderen Jahren über die Bühne gehen.
Die Lendava Hügel werden bereits seit langer Zeit bewirtschaftet. Bereits vor 150 Jahren bauten sich Menschen aus der Ebene hier ihre „Wochenend-Häuschen“. Mindestens zwei Mal pro Jahr zog dann die ganze Familie, mit Huhn, Kuh und Kegel in die Hügel um das Land zu pflegen, zu bewirtschaften oder um die Ernte einzubringen. Dauerhaft gelebt hat man hier wohl kaum. Die Menschen in jener Zeit haben sich aus heutiger Sicht wunderschöne, kleine Häuschen gebaut. Häuser, die aus unseren Augen betrachtet, eine ländliche Idylle ausstrahlen, nach der wir uns irgendwie zurück sehnen, die wir aber nie mehr erreichen werden. Nur noch ein paar wenige dieser alten, traditionellen Häuser stehen heute in den Hügeln oberhalb Lendavas. Fast alle sind dem Zerfall nahe, benutzt werden vielleicht noch zwei. Die Mauern der Häuser bestehen aus einem Holzgerüst, welches man mit einer Mischung aus Lehm, Erde und Stroh ausfüllte. Das Dach bestand vollständig aus dick gebündeltem Schilf welches man am Balatonsee, rund 100 Kilometer östlich in Ungarn geschnitten hatte. Im Sommer musste es in diesen Häuschen angenehm kühl gewesen sein.
Janez erzählte, wie der nationale Denkmalschutz Sloweniens vor einigen Jahren die damals noch benutzten Häuschen unter seine Obhut gestellt hatte. Kurze Zeit später waren alle Häuser unebwohnt und begannen wirklich zu verfallen. Wie war das möglich? Der Denkmalschutz wollte alles so erhalten wie es war, man sollte die Häuser lediglich sanieren und durfte nichts vollständig erneuern. Auch wurde den Besitztern verboten, das Haus ihren Bedürfnissen entsprechend umzugestalten; zum Beispiel einen Weinkeller anzubauen. Die Folge davon war, dass die Häuser nicht mehr bewohnbar waren weil man ihnen den Sinn genommen hatte. Historisches historisch erhalten ohne daraus ein Museum zu machen ist wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit. Denn das Leben bleibt nicht stehen, es entwickelt sich weiter und strebt vorwärts. Die alten, unter Schutz stehenden Weinhäuser konnten mit Entwicklung nicht mithalten. Heute hat niemand mehr etwas von Ihnen, weder der Wanderer welcher einen Spaziergang in den Weinbergen geniesst, noch der Winzer welcher hier seinen Wein anbaut.
Die Häuschen, die heute in Lendavske Gorice gebaut werden sind weitaus simplerer Natur. Häufig bestehen sie aus einer unverputzten Backsteinmauer und wenn man Glück hat haben sie auch ein Ziegeldach. Zwar zieren nach wie vor Geranien die Fenstersimse dieser Häuser, die Idylle ist aber irgendwie verschwunden. Stil und bauliche Schönheit ist eine Frage des Geschmackes, ich weiss. Auch ist heute ewas schön und interessant, was morgen bereits als grosses Fragezeichen in der Landschaft steht. Mir scheint es aber doch, dass die Menschen früher ihrem Wohn- und Lebensort mehr Stil und Schönheit beschert haben. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand unverputzte Backsteinmauern schön findet.

„Ma maison et mon château“, dieser Satz bleibt mir aus dem Französisch Unterricht wohl ein Leben lang im Gedächtnis. Ein Schloss definiert sich demnach nicht über seine Grösse oder seinen Umschwung, sondern rein dadurch, dass man es für sich zu einem Schloss macht. Hier lebe ich; nennt mich König, Kaiser, Fürst oder auch einfach bei meinem Vornamen. Das ist mein zu Hause und ich bin stolz darauf.



Donnerstag, 1. September 2011

Blatuša

Seit vielen Monaten wurde Blatuša immer mal wieder erwähnt. „Wann gehen wir nach Blatuša?“ „Bald gehen wir nach Blatuša!“ „Wo zum Teufel liegt denn eigentlich Blatuša?“ „Was ist Blatuša?“

Blatuša ist ein Dorf südöstlich von Karlovac, im Norden Kroatiens. Ein Gebiet das bis zu den Kriegsjahren ab 1991 auch von Serbinnen und Serben bewohnt wurde. Einige Dörfer waren gänzlich in serbischen Händen; so ein Dorf war Blatuša. Die Menschen mussten als einfache Bauern gearbeitet haben, davon zeugen die noch stehenden Holzhäuser und Ställe, die verstreut in der mal waldigen, mal von Wiesen durchsetzten Gegend stehen. Nach dem Krieg war die Gegend um einige Menschen ärmer. Die Häuser, die vormals von Serbinnen und Serben bewohnt waren, standen nun leer und begannen im Laufe der Jahre immer erbärmlicher auszusehen. Auch Blatuša lag viele Jahre lang verlassen da, die Besitzer der Häuser waren entweder verstorben oder seit Jahren in Serbien wohnhaft.



Vor drei Jahren hat Robert, das halbe Dorf aufgekauft. Mehrere alte Häuser und vor allem viel, viel Land. Dieses Land bewohnt er seither zusammen mit zehn anderen Menschen. Blatuša ist ein Laboratorium für „selbstverwaltetes“ Leben geworden. Robert, ein professioneller Musiker, der sich vorher weder für biologischen Landbau noch für Ökohäuser interessiert hatte, wurde innert kurzer Zeit zu einem Fachmann auf diesen Gebieten. Durchs Internet und durch Freunde hat er gelernt wie man mit einfachsten Mitteln Häuser bauen kann, die nicht viel kosten, aus 100% natürlichen Materialien bestehen und denen auch das oftmals rauhe Klima Nordkroatiens nichts anhaben kann. Häuser, gebaut aus Holz, Stroh und Lehm. Häuser, die in ihrer Form an Hobbithöhlen erinnern. Häuser, die eine gemütliche Wärme ausstrahlen und die man auf den ersten Blick gerne bewohnen würde. Bisher tun dies gut zehn Menschen. Roberts Idee ist, dass in der nächsten Zeit mehr und mehr Menschen sich der „Gemeinschaft“ anschliessen. Wer will kriegt bei Robert in Blatuša Land, Material und Wissen, damit man sich sein eigenes Haus bauen kann. Natürlich braucht es auch etwas Geld; ganz kostenlos ist das Bauen eines solchen Ökohauses nicht. Aber mit 1500 Euro hat man bestimmt ein bewohnbares Haus.



Die Lanschaft rund um den Ort Blatuša herum hat etwas magisches, märchenhaftes. Über einen Waldweg führt uns Robert zu einer Lichtung die leicht abfallend sich weit hinunter in ein Tal erstreckt. Die ganze Lichtung ist überwachsen mit Farn. Nur Farn, soweit das Auge reicht. „Hobbitland“, nennt Robert diesen Ort. Hier sollen einst Erdhäuser stehen, so wie man sie von den Hobbits her kennt. Mitten durch dieses Farn hindurch schreitet eine Gestalt, ein Buschmesser über die Schultern gehängt, in selbstgefertigten Lederhosen und Mokkasins, gleicht die kleine Gestalt mit den langen grauen Haaren und dem nicht minder langen Bart einem Zwerg, der im Lande der Hobbits untergekommen ist. Der Mann umarmt mich, lange, und lässt nicht los. Dabei nennt er seinen Namen; Akin. Und meint schliesslich: Willkommen zu Hause. Akin kommt aus Tschechien, doch seine fahrende Wohnung, ein umgebauter Bauwagen, erzählt davon, dass Akin dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufhält. Während mindestens einem Monat wird sein zu Hause Blatuša sein. Dort findet im September das „Rainbow gathering“ statt. „Rainbow“.... Hier treffen sich „Hippies“ aus ganz Europa. Einige von ihnen fahren von einem „Rainbow“ zum nächsten. Leben mal in Portugal, mal in Spanien, Tschechien oder eben Kroatien. Was wird während eines „Rainbow gathering“ gemacht, will ich von Robert wissen. Die Antwort ist sehr unklar. Bei diesem „Rainbow“ gehe es ums Heilen, so viel habe ich verstanden. Robert will anscheinend die Energien in Blatuša wieder ins Lot bringen. So werden nun bald, dort wo vor 20 Jahren Menschen mit Maschinengewehren bestückt durch die Büsche schlichen, Tantra Seminare abgehalten und Erdhäuser gebaut werden. Blatuša ist diesem Wandel bestimmt dankbar.




Auf dem Weg zurück in die Zivilisation fahren wir an einigen Bauern vorbei, die in der Umgebung von Blatuša ihre Felder bestellen. Alle winken uns zu. Mit unserem slowenischen Nummernschild wird wohl allen klar sein, dass wir zu Blatuša gehören. Und ich erinnere mich daran dass Robert erwähnte, wie gut die Gemeinschaft Blatuša von den Nachbarn aufgenommen worden ist. Zu Beginn hätten alle gedacht, dass Robert einer jener sei, der sich Land im grossen Stil unter den Nagel reissen würde um es dann ungenutzt verwildern und verkommen zu lassen. Inzwischen haben die Nachbarn ihre Meinung geändert. Die Gemeinschaft Blatuša ist von allen Seiten her akzeptiert worden.


Man muss ja auch keine Tantra-Seminare mögen, um zu sehen, dass in Blatuša etwas wirklich schönes entstehen kann.





Dienstag, 30. August 2011

Drug Tito




Lange hat es gedauert, bis ich endlich den Weg nach Kumrovec, zu einem kleinen, musealen Dorf an der slowenisch-kroatischen Grenze gefunden habe. Kumrovec wird als „Staro Selo“, als „Altes Dorf“ gehandelt. Man bezahlt Eintritt um die improvisierten Holzschranken zu passieren, welche die gepflasterte Dorfstrasse von der asphaltierten Strasse abtrennt. Nachdem ich mein Auto auf dem nahegelegenen Parkplatz abgestellt hatte, parkierte direkt neben mir ein Auto mit italienischem Kennzeichen. Bis an den Rand vollgepackt, strahlte die ganze Karre das reinste Feriengefühl aus. Ein mittelalterliches Paar stieg aus dem Auto aus und der Mann fragte mich in seiner Landessprache ob ich vielleicht ein Bisschen italienisch spräche. „Un poco“, meine Antwort. Ob hier das Grab von Josip Broz Tito zu finden sei, wollte der Mann weiter von mir wissen. Das Grab? Nein, das befinde sich in Belgrad. Die Enttäuschung war dem italienischen Paar ins Gesicht geschrieben. „Aber in diesem kleinen Dorf ist Tito auf die Welt gekommen, hier befindet sich sein Geburtshaus“, begann ich den Beiden zu erklären. „La casa natale!“ Die Freude war in die Gesichter der Beiden zurückgekehrt, sie bedankten sich bei mir und machten sich auf den Weg ins Staro Selo.
Die Kroaten machen kein grosses Aufsehen darüber, dass Tito in eben diesem Kumrovec vor 119 Jahren geboren wurde. Wären nicht die T-Shirts, Feuerzeuge und Postkarten mit dem Gesicht vom Mareshal im Souvenirladen zu erwerben und würde nicht die gusseiserne Statue des Oberpartisanen im Garten vor dem Häuschen stehen, man hätte keine Ahnung, dass in eben diesem Dorf der Mann zur Welt gekommen ist, der Jugoslawien während 36 Jahren führte und gestaltetet. Die Plakette, welche an Titos Geburtshaus befestigt ist trägt die Aufschrift: „Hier ist Freund Tito zur Welt gekommen“. Drug Tito, Freund Tito, ein Ausdruck den man in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien öfters zu hören bekommt. Wahrscheinlich nicht ganz so oft in Kroatien und Serbien. In Bosnien-Hercegowina jedenfalls war der Ausdruck „Drug Tito“ noch geläufig. Titos Bild in der post-jugoslawischen Gesellchaft hat sich selbstverständlicherweise im Laufe der Jahre stark geändert. Zumal anzumerken ist, dass er auch während seiner Lebzeit innerhalb seines Landes nicht jedermanns Freund gewesen war. Bei seinem Tod im Jahre 1980 galten ihm aber die Sympathien ganz Jugoslawiens und wohl grossen Teilen der Welt. Zu seinem Begräbnis in Belgrad sind Dutzende von Staats- und Regierungschefs erschienen. Der Zug mit seinem Leichnahm, welcher von durch halb Jugoslawien nach Belgrad tarnsportiert wurde, begleiteten Tausende von Jugoslawinnen und Jugoslawen weinend am Schienenrand stehend. Der Tod des Freund Tito war eine Tragödie für eine ganze Gesellschaft. Bald nach dem Tod Titos wurden die Probleme innerhalb Jugoslawiens immer offensichtlicher. Finanziell völlig am Boden begann der Vielvölkerstaat auseinderzubrechen, Jahre bevor der Krieg in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Hercegowina losging. Heute scheint Tito wohl nicht unschuldig für die Tragödie welche sich seit der Unabhängigkeit Sloweniens von Jugoslawien im Jahre 1991 abgespielt hat. Er war es schliesslich gewesen, der die Länder mit oftmals eiserner Hand zusammengehalten hat. Für ihn gab es keine andere Option als dieses Jugoslawien, dafür hat er gelebt und diesen Gedanken hat er auch mit in sein Grab nach Belgrad genommen. Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass das Mausoleum von Freund Tito in Belgrad langsam am verkommen sei. Die Dauerwachen vor dem Grab hätten sich aufgelöst und man spekuliere bereits darüber, dass viele Serbinnen und Serben das Grab Titos lieber an einem anderen Ort sähen... Ob diese Gerüchte war sind, das weiss ich nicht. Klar ist: noch immer kommen Jahr für Jahr Toursiten nach Kumrovec um das kleine Haus zu sehen in welchem im Jahre 1892 der Freund Tito zur Welt gekommen ist. Mich hat der Besuch der Geburtsstätte irgendwie auch seltsam berührt...







Sonntag, 21. August 2011

Zurück in Maribor




Da sind wir nun wieder, zurück in Maribor. Es war als würden wir ein zweites Mal in unsere Wohnung einziehen, die wir vor der Abreise in die Schweiz gerade einmal eine Woche bewohnt haben. Der kleine Garten vor unserer Wohnung hat sich in den letzten zwei Monaten in eine Steppe verwandelt. Ob Pintas dieses Stück Land noch als Garten betrachtet und demnach das Seichen darin unterlässt wird sich zeigen. Jurij scheint wirklich zufrieden zu sein mit der Tatsache, dass das Herumziehen der letzten Monate nun ein vorläufiges Ende gefunden hat. Endlich einmal dort aufwachen wo man auch eingeschlafen ist und sich mit der Decke über dem Bett anfreunden; diese Qualitäten scheinen ihn zu beruhigen.


Auf dem Weg zurück in die Schweiz haben wir eine Nacht am Lago Maggiore verbracht. Unterwegs bestaunten wir die alten Villlen am Strassenrand und stellten einmal mehr fest, wie stark die Espresso Qualität sich verbessert, kaum hat man die unbewachte Grenze überquert. Verblüffend! Bei Tageslicht fuhren wir dann weiter bis nach Como. Pintas erkannte in allen Ecken dieser Stadt seine Markierungen, welche er vor gut zwei Jahren auf der Wanderung dort hinterlassen hatte. Es war heiss und etwas verzweifelt suchten wir nach einem Badeplatz in der Stadt. Vergeblich. Schliesslich sprangen wir im Park der Villa Olmo ins erlösende Nass. Den Blicken der Passanten zu Folge, eine eher ungewöhnliche Wahl eines Badeplatzes. Die Nacht hindurch fuhren wir auf Italiens Autobahnen bis kurz vor Trieste. Bei Sonnenaufgang waren wir in Duino und bald darauf in Sistiana am Meer, zusammen mit hunderten anderen Badehungrigen. Kindheitserinnerungen kamen auf, Erinnerungen an überfüllte Strände, Badetuch an Badetuch und Sonnencrème die auf den ersten zehn Metern des Meeres als Ölfilm ihr Unwesen trieb. Jurij war sehr zufrieden, dass er seine Beine in die Jadrana halten durfte und wir genossen das Schwimmen im grossen Wasser.


Nun suchen wir wieder einen gewissen Alltag hier in Maribor. Bei mir wird sich bald herausstellen wie viel ich in Zukunft unterrichten kann. Zudem muss ich mich endlich einmal um das Erlernen des Slowenischen kümmern. Schliesslich habe ich bei meiner Geburtstagsfeier letzten März ein Versprechen abgelegt, dass ich in einem Jahr die Festansprache auf slowenisch halten werde...

Ende September steht die Balkanreise von begehbar auf dem Programm! Noch gibt es zwei freie Plätze!

Soweit aus Maribor. Seid herzlich gegrüsst!

Montag, 15. August 2011

Schweizer Sommer



Der Schweizer Sommer neigt sich für uns drei langsam aber sicher dem Ende entgegen. Seit Ende Juni sind Natasa, ich, Jurij und Pintas in der Schweiz. Nachdem ich einmal mehr das harte Landleben als Aushilfe in einem seeländischen Gemüsebetrieb genossen habe, fuhren wir nahtlos weiter ins Glarnerland. Dort begleitete ich ein Sommerlager des Verein Insieme. Zwei Wochen lang trotzten wir, umgeben von einem spektakulären Panorama, dem oftmals nebligen und regnerischen Wetter.

Mit vielen Freunden verbrachte ich diesen Sommer unterhaltsame und schöne Stunden, Freunde die ich vermissen werde, zurück in Slowenien. Auch konnte meine Familie Jurij endlich etwas länger geniessen. Jurij ist nun auch in der Schweiz angekommen. Auch die Freude über die Rückreise nach Slowenien kommt immer mehr auf. Die Arbeit, die mich dort erwartet, die Freunde, die neue Wohnung, die Hügel vor der Haustüre; all diese Sachen machen den Abschied aus der Schweiz leichter. Die Rückreise wollen wir dieses Mal via Italien in Angriff nehmen.

Bis bald, zurück in Maribor!

Donnerstag, 7. Juli 2011

und auch natasa arbeitet wieder

nach der babypause gelang der erfolgreiche wiedereinstieg ins berufsleben. die nataschen-produkte sind hierzulande wahrlich der renner der saison. demnächst auch im online gehcrew-shop erhältlich (verhandlungen sind am laufen).

bravo und weiter so!

Donnerstag, 2. Juni 2011

Geheimnisvoller Durmitor

Zusammen mit meinem begehbar-Partner Miha war ich letzte Woche unterwegs in Bosnien-Hercegowina, Montengro und Serbien. Wir sind auf den noch nicht exisitierenden Spuren der diesjährigen begehbar-Tour gewandelt. Nach drei Tagen sind wir voller Impressionen und um viele Begegnungen reicher nach Slowenien zurück gekehrt. Die diesjährige Tour findet statt vom 25. September bis 6. Oktober. In Kürze wird die Reiseroute auf unserer Webseite www.begehbar.org zu sehen sein. Bei Fragen bezüglich der anstehenden Reise nimmst du bitte Kontakt mit mir auf!

Montag, 9. Mai 2011

Dürüm Dürüm



Nach unserem Besuch in der Schweiz sind wir nun bereits seit einer Woche zurück in Maribor. Jurij hat nun also bereits in seinen ersten Lebensmonaten zwei Heimaten kennen gelernt.
Die Reise von Slowenien in die Schweiz haben wir diesmal mit dem Auto unternommen. Da wir tagsüber gereist sind, habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, wie diese „Autobahn-Landschaft“ quer durch Österreich und Deutschland überhaupt aussieht. Den Weg zwischen den zwei Heimaten habe ich bereits einmal zu Fuss abgeschritten. Damals brauchte ich von Bern bis an die slowenische Grenze ganze zwei Monate. Mit dem Auto schafft man diese Reise in 10 Stunden. Autobahn-Fahren ist schrecklich. Es ist ein Reisen ohne Atem, ohne Sinn. Denn wenn der einzige Sinn des Reisens derjenige ist irgendwo anzukommen, dann sollte man es besser sein lassen. Immerhin habe ich an einer Raststätte in der österreichischen Steiermark Bekanntschaft mit einem türkischen Fernfahrer gemacht. Seine kleine Küche im unteren Teil des Lastwagens war bezaubernd. Auf einem Gasherd kochte der Mann starken Schwarztee und an einem Bindfaden hingen Trockenwürste. All das passte irgendwie überhaupt nicht an diese Raststätte. Doch für mich war diese Begegnung ein Durchatmen. Das Bild des Teetrinkenden Fernfahrers durchbrach die Sterilität der Raststätten-Kultur und liess mich aufatmen. Der Mann war unterwegs nach Italien, dort würde er seinen Lastwagen aufs Schiff verladen und dann auf dem Seeweg in die Türkei fahren. Die Waren, die er geladen hatte, würde er später noch bis in den Irak bringen müssen. Dürum, Dürum, meinte er zum Abschied. Dürum, Dürum sagte ich, und nehme an, dass man sich dermassen auf türkisch verabschiedet.

Dienstag, 26. April 2011

Paloma



Zwei Mal die Woche fahre ich nach Slatki Vrh, auf den Süssen Berg, wo ich in der Hygiene-Papier-Fabrik „Paloma“ deutsch unterrichte. Ich würde unterdessen wohl auch ohne Bezahlung in der Fabrik Paloma arbeiten, dermassen habe ich diese Gruppe dort liebgewonnen. In unserem Deutschunterricht hat sich eine Tradition eingeschlichen, die wir besser nicht dem Fabrikdirektor, welcher den Deutschkurs angeordnet hat und auch nicht meiner Chefin von Berlitz verraten sollten; mit einer beinahen Regelmässigkeit bringt jemand etwas Kleines zu essen oder zu trinken mit in den Unterricht. Das Glück will es , dass einige meiner Studentinnen regelmässig geschäftlich in Südosteuropa unterwegs sind. So durften wir dann auch bereits montenegrinischen Wein, makedonische Ratluks oder kosovarische Halva degustieren. Ich meinerseits habe kürzlich ein gutes Stück Schweizer Käse mit in den Unterricht genommen, dazu einen Humagne Rouge du Valais, ein Geschenk meines lieben Copagnons aus der Schweiz. Dermassen, Wein und andere Köstlichkeiten kostend, lässt es sich doch bedeutend leichter studieren...
Übrigens: Die abgebildete Torte ist nicht zum Verzehr gedacht. Vielmehr ist sie ein Hilfsmittel für nach dem Verzehr jeglicher Torten. Sie war mein Geburtstagsgeschenk aus der Fabrik Paloma!

Sonntag, 10. April 2011

Pohorje


Dieser Wald! Etwas ist wirklich Besonders an diesem Wald. Deshalb zieht es mich auch immer wieder dort hinein und hinauf und hinunter, denn in diesem Wald zu spazieren bedeutet, über Steile Abhänge hochzusteigen oder im Bachbett eines der zahreichen Gewässer seinen Weg zu suchen. Der „Pohorije“ nennt sich zu deutsch „Bachern“. Ein Name der nicht unbegründet vergeben wurde; ziehen sich doch entlang des Pohorje hunderte von kleinen Bächen den Hügel hinab um später irgendwo am Waldrand zu versickern. Im Wald des Pohorije zu spazieren, transportiert mich immer in eine andere Zeit hinein. In eine Zeit der Elfen, Zwerge und Baumriesen. Vielleicht ist der Pohorije auch deshalb so besonders, weil diese vermeintliche Zeitreise gar keine Reise durch die Zeit ist. Vielleicht ist der Pohorije tatsächlich noch immer Heimat für Zwerge, Elfen und Baumriesen. Erstaunen würde es mich nicht!

Mittwoch, 6. April 2011

Perspektivenwechsel

Perspektivenwechsel sind wünschenswert und werden grundsätzlich als Bereicherung angepriesen. Eine Reise in ein fernes Land, in eine fremde Kultur kann ein Perspektivenwechsel sein. Das Überwinden grosser Distanzen in sehr kurzer Zeit vermag den heutigen Menschen in Situationen hinein zu katapultieren, in welchen er auf einmal völlig neuen Gerüchen, Klängen und Bildern ausgesetzt ist. Perspektivenwechsel sind aber auch im alltäglichen Alltag möglich und ich erschrecke immer wieder darob, wie wenig ich davon Gebrauch mache. Manchmal mit unserem Hund Pintaš im Lift, während der Fahrt in den 5. Stock unseres Wohnblockes, kauere ich mich zum ihm hinunter und erlebe die Liftfahrt aus der Perspektive des Hundes und staune über das völlig neue Gravitätsgefühl, welches man erlebt, wenn der Lift im 5. Stock ruckartig in seiner Fahrt anhält. Ich kann mich erinnern, wie wir früher, als Kinder des Spieles Willen und als Jugendliche des Aufstands wegen, uns manchmal mitten in der Stadt auf den Boden gelegt haben, auf diesen schmutzigen Boden welcher sonst nur mit Schuhen begangen wird, auf welchem Zigarettenstummel und McDonalds Verpackungen liegen. Doch die Perspektive, dem schmutzigen Stadtboden nahe, war fantastisch. Die Menschen wie Riesen an einem vorbei gehen sehen, die Häuser schiessen wie Wolkenkratzer in die Höhe und zwischen den Strassenschluchten weisse Wolken, die in diesem Moment nur für dich da zu sein scheinen. Oder noch besser; kürzlich habe ich mich in einer riesigen Kathedrale auf den Boden gelegt, auf diesen kühlen Steinboden der alt und müde riecht, von den vielen Schuhen über Jahrhunderte schon abgetreten. Die Kathedrale wirkt dann natürlich ganz anders und vielleicht seit vielen Jahren wieder einmal wirklich gross und ehrführchtig. Das Gefühl, welches die Erbauer erwecken wollten, dass sich der Mensch klein und der Übermacht Gottes ausgeliefert vorkommt, kann einem in einer derartigen Perspektive wieder leicht anheim fallen. Doch versuche ich in solchen Momenten die Religion aus den Gemäuern wegzudenken und nur die Schönheit des Raumes zu fühlen, der in seiner scheinbaren Grösse doch begrenzt, vielleicht dem anscheinend unendlichen Universum gar nicht so artfremd ist. Auch folgende Vorstellung: Als Kind wünschte ich mir, wenn ich in einer der grossen Kathedralen stand, nichts anderes, als meine Arme auszubreiten und in diesem hohen Raum bis an die Decke zu fliegen um dann in einem segelnden Flug, die ganze Länge des Gotteshauses abzumessen. Ich stellte mir vor, wie diese Kathedrale aus fliegender Perspektive aussehen müsste, stellte mir die steinernen Muster des Kirchenbodens aus der Höhe betrachtet vor. Durch solche Kirchenräume zu segeln war immer ein grosser Wunsch von mir. Gestern Nacht hatte ich einen Traum. Ich stand mit Freunden auf einer grossen Wiese, neben uns ein schwarzer Hund, welcher auf einmal mit grossen Sprüngen sich vom Boden erhob und, ständig mit den Beinen in die Luft schlagend, begann sich über unseren Köpfen fortzubewegen. Der Hund flog über die Wiese. Es sah zwar anstrengend aus, vergleichbar auch mit der Schwimmweise eines Hundes, doch war nicht abzustreiten, dass dieser Hund fliegen konnte. Niemand war darüber wirklich erstaunt gewesen. Ich auch nicht. Und so kam es dann, dass ich das Gleiche versuchte wie der Hund, nämlich in die Luft zu springen und mit meinen Beinen an irgendwelchen Molekülen mich abstossend langsam an Höhe zu gewinnen. Das Unterfangen gelang mir nicht beim ersten Anlauf, doch nach und nach konnte ich, alle meine Glieder wild bewegend, für längere Zeit in der Luft bleiben. Ich gewann auch an Höhe und auf einmal sah ich meine Freunde weit unten auf der Wiese stehen. Ich bewegte mich durch die Luft, der Gravität trotzdend oder besser gesagt gegen sie ankämpfend erstreckte sich nach und nach eine Landschaft unter mir, die ich aus einer solchen Perspektive noch nie gesehen hatte. Es war wunderschön. Wenn wir doch nur fliegen könnten... Fliegen aus eigener Kraft, fliegen aus eigenem Antrieb. Das dachten Nataša und ich auch vor einigen Tagen wieder, als wir von Meranovo aus über die zahlreichen Hügel des Pohorje und Kosjak hinunter nach Maribor geschaut haben. Wie wäre uns die Welt auf einmal zugänglich... Wäre sie uns zugänglicher? Jurij schaute auch über die Hügel und in den blauen Frühlingshimmel. Er schaute und staunte, eine Regung, welche bei ihm noch eins zu sein scheint. Vielleicht sah er den fliegenden Hund, vielleicht auch fliegende Menschen und wer weiss, vielleicht ist er selbst für eine kurze Zeit aus dem kleinen Körper hinausgeschlüpft um über die wunderschöne Landschaft zu fliegen. Können wir fliegen? Fliegen aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb. Würde Jurij mich das hier und heute fragen ich würde ihm mit Ja antworten. Hoffentlich werde ich das auch später noch tun und hoffentlich werde ich auch viele andere Fragen mit Ja beantworten. Vielleicht muss ich Jurij dann eingestehen, dass ich es verlernt habe, dass ich die Fähigkeit zu fliegen nicht mehr besitze, was aber nicht heisst, dass man es nicht kann. Denn schliesslich bleibt es doch für alle Zeiten so: Was im Traum, was in der Vorstellung, was in der Phantasie möglich ist, das ist möglich. Unsere Realität hat damit nichts zu schaffen. Und wenn wir unserer Realität mehr Bedeutung zumessen als den Träumen dann ist das allein unser Problem. Deshalb Jurij: Wir können fliegen!

Samstag, 2. April 2011

Rollschuhlaufen

Auf dem Balkon hier in Maribor stehen seit geraumer Zeit meine BigStar Rollschuhe. Es sind dies Rollschuhe der alten Mode, bei welchen die Räder nicht inline sondern paarweise angeordnet sind wie bei einem ordentlichen Gefährt üblich. Diese Rollschuhe besitze ich seit mindestens 15 Jahren und noch immer passen sie mir. Heute Nachmittag habe ich sie wieder einmal angezogen und bin rollend über den neu asphaltierten Fahrradweg nach Süden gefahren, vorbei an vor einigen Jahren gepflanzten Bäumen dem Pohorje entgegen. Das Rollschuhfahren habe ich in all den Jahren nicht verlernt, denn damit verhält es sich wahrscheinlich wie mit dem Fahrradfahren; hat man es einmal raus, so bringt man es nicht mehr weg. Noch immer kann ich mich in voller Fahrt um 180 Grad drehen um dann mit unverminderter Geschwindigkeit, meinen Blick der Fahrtrichtung abgeneigt, weiter zu sausen. Man darf sich dabei nicht überlegen, was einem bei einem derartigen Manöver alles passieren könnte, denn sonst wird es wirklich gefährlich. Wahrscheinlich haben nicht unbedingt die motorischen Fähigkeiten abgenommen seit meiner Blütezeit des Rollschuh-Fahrens. Wahrscheinlich hat nur die Angst vor einem allfälligen Sturz zugenommen und mit der Zunahme dieser Angst höchstwahrscheinlich auch die Wahrscheinlichkeit eines möglichen Unfalles. Dass ein solches Umfallen immer mit grösseren Schäden verbunden ist zweifle ich noch heute an, doch gehört es zweifelsohne nicht mehr zu den alltäglichen Erfahrungen eines Dreissigjährigen. Bedenkt man, dass Umfallen als Kind als fixer und häufiger Punkt eines jeden Tagesablaufes zu verzeichnen war, so mutet es doch seltsam an, dass dies als Erwachsener eigentlich kein Thema mehr ist. Wahrscheinlich ist dies nicht deshalb so, weil wir motorisch geschickter geworden sind. Wahrscheinlich muten wir uns einfach weniger zu und bewegen uns mit Sicherheit grundsätzlich bedeutend ärmer, als wir dies als Kind getan haben. Ich jedenfalls nehme mir vor, in regelmässigen Abständen wieder meine Rollschuhe anzuziehen um diese 180 Grad Wende in voller Fahrt auszuprobieren. Solange ich es mir zutraue, so lange glaube ich, dass ich nichts zu befürchten habe.

Mittwoch, 30. März 2011

Feier im Schloss Fala


Am vergangenen Samstag Nachmittag waren wir beim Grafen zu Fala zum Essen eingeladen. Es war eine Gesellschaft von rund dreissig Nasen, die sich vom Butler Blaz staunend und auch mit etwas Ehrfurcht durch die vielen Räumlichkeiten des Schlosses führen liess. Für die meisten Freunde war es der erste Besuch im Schloss Fala, wenige wussten auch darüber Bescheid, dass sich das Schloss seit einigen Jahren in Privatbesitz befindet.

Empfangen wurden wir alle im Eiskeller des Schlosses. Dies ist eine Art Pavillon, der sich am äussersten Rand des Schlossgartens befindet und in innerhalb dessen Mauern die Temperaturen auch im Sommer eine sehr angenehme Frische aufweisen. Der Butler Blaz liess uns wissen, dass in früheren Zeiten in diesem Pavillon Eisstücke bis in den August hinein aufbewahrt werden konnten. Das Eis wurde aus der Drava geholt welche damals im Winter noch über weite Stellen zufrieren konnte. Heute hat dieser altertümliche Eiskeller seine Funktion verloren und auch die Drava friert nicht mehr zu genau so wenig wie die Flösser auf ihren langen Schiffen von Maribor in Richtung Belgrad und später bis ins Schwarze Meer fahren; alle paar Kilometer staut die Mauer eines Elektrizitätswerkes den Lauf der Drava. Der Eiskeller vermochte jedoch den Aperitif-Schnaps auf eine angenehme Temperatur runter zu kühlen und man genehmigte sich das ein oder andere Gläschen.

Im Schloss selber wurden wir anschliessend vom Grafen persönlich empfangen, der uns in seiner schwarzen Robe durch seine Gemächer führte. Die Räume des Wohntrackts des Schlosses Fala sind eine wahre Fundgrube für Spürnasen. Überall liegen, hängen und stehen alte Objekte, eine angebrannte Zigarre liegt auf dem Tisch, daneben ein alter Revolver, irgendwelche vergilbte Fotografien liegen verstreut auf dem Nachttisch neben dem schweren dunklen Holzbett, ein Hemd hängt zerknittert über einem Stuhl, gerade so, als hätte sich jemand eben erst aus dem Bett geschlichen und unauffällig das Weite gesucht. Was hier in Fala gelebte Realität und was nur Spiel ist lässt sich schwerlich sagen. Man ist geneigt zu glauben, der Graf Milan Slavic lebe wirklich so, umgeben von all diesen alten, scheinbar nutzlosen Dingen, alleine mit seinem Butler in diesem Schloss an der Drava mit seinen Dutzenden von Zimmern und der Unzahl an Kellerräumen, welche sich tief unter dem Schloss Labyrinth ähnlich ausdehnen. Das Nachtessen bei Kerzenlicht im Roten Saal liess nichts zu wünschen übrig. Alles aus dem Holzofen der Schlossküche, zubereitet von den Köchen des Schlosses Fala.

Es war definitiv eine andere Welt, welche uns später im Jazzclub Sachmo in Maribor erwartete, in welchem wir das Fest in Ruhe ausklingen liessen.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass so viele Freunde den Weg nach Fala gefunden haben. Aus der Schweiz Flo, Johanne, Cynthia und natürlich auch der Mitbegründer der gehcrew, mein lieber Freund dan. Aus Sarajevo ist Boris angereist, im Gepäck eine grosse Packung bosnischen Kaffees und eine Kiste der wohl besten Ratluks, die es zur Zeit in der bosnisch-hercegowinischen Hauptstadt zu finden gibt. Natürlich sind auch aus Maribor zahlreiche Freunde ans Fest gekommen. All Ihnen ein herzliches Dankeschön!

Montag, 21. März 2011

Blick nach innen


Vor einem Jahr bin ich von Maribor aus zurück nach Sarajevo gefahren um die Wanderung in Richtung Istanbul fort zu setzen. Dreihundertfünfundsechzig Tage sind seither vergangen und heute morgen trage ich den schreienden Jurij so lange in meinen Armen, bis er wieder einschläft. Gemeinsam sitzen wir oft frühmorgens hier in der Küche und schauen wie es draussen langsam hell wird. Dank Jurij weiss ich jetzt, dass die Vögel nach Borova Vas zurück gekehrt sind und bereits um halb fünf Uhr morgens in den Bäumen vor den grossen Wohnhäusern ihre Konzerte geben. Jurijs Blick schweift in diesen Stunden immer weit hinaus, auch wenn er nur die Wand in der Küche zu betrachten scheint. Er muss durch und über diese Wand hinaus sehen, er wird mehr sehen als ich es mir vorstellen kann. Jurijs Blick geht weit hinaus, durch die Wände unseres Wohnblockes hindurch, über die Bäume von Borova Vas und auch über den Pohorije, auf welchem der Schnee seinen letzten Auftritt vor dem hereinbrechenden Frühling zu geben scheint. Jurijs Blick geht weiter als ich jemals wandern könnte, denn seine Augen schauen auch nach innen. In diesen Momenten scheint er eins zu sein mit der Welt. Ein Zustand den wir Erwachsenen kaum mehr erreichen können. Es zu versuchen sollte aber immer wieder Priorität in unserem Leben haben. Auf der Suche nach diesem Blick nach innen tanzen wir und schreiben wir Bücher, lieben und bekriegen wir uns, erforschen wir die Atome und reisen ins Weltall hinaus. Auf der Suche nach diesem Blick nach innen versuchen wir nach Istanbul zu wandern, studieren wir an Universitäten und suchen Ruhe in Meditations Kursen. Jeder Mensch hat selber einmal die Fähigkeit besessen nach innen zu schauen und dabei vielleicht eine Einheit von „innen“ und „aussen“ gefühlt. Dass wir diesen Blick nicht mehr beherschen heisst aber hoffentlich nicht, dass wir ihn verloren haben.

„Bei deiner Geburt warst du ohne Gedanken. Nimm diese Wahrheit so tief wie möglich in dein Herz auf, denn dann öffnet sich dir eine Tür. Wenn man ohne Gedanken geboren ist, dann ist das Denken ein Produkt der Gesellschaft. Die Existenz geht dem Denken voraus.“

Osho

Montag, 14. März 2011

Samstag, 12. März 2011

Im richtigen Licht


Die Eisenbahnbrücke vor dem alten , wahrscheinlich unbewohnten Haus in Vuzenica, schluckt den grössten Teil der Morgensonne, welche ansonsten bei klarem Wetter auf die gelbe Fassade des alten Gemäuers scheinen würde. Für einen kurzen Moment jedoch kann man dank dieser Eisenbahnbrücke Gefühle erleben, als stände man als Haupdarsteller auf einer der ganz grossen Bühnen dieser Welt. Lässig an die Wand gelehnt oder auf der Bank sitzend geniesst man während einigen Minuten das Rampenlicht, welches von Osten her, sich an der Eisenbahnbrücke vorbei zu schummeln vermochte.

Sonntag, 6. März 2011

Starkes Wasser


Kürzlich haben Natasa und ich unweit von unserem Haus einen Mann angetroffen, der einfach so auf der Wiese zusammengesunken ist. Die Erde und das Gras waren an diesem Tag feucht, dementsprechend schmutzig auch die gepflegte Lederjacke des älteren Herren. Als wir zu diesem Mann hingeeilt um ihm wieder auf die Beine zu helfen, sind wir zuerst erschrocken, denn er war überhaupt nicht ansprechbar. Bald einmal war uns jedoch der Grund des Zustandes des älteren Herren klar; denn eine unverkennbare Weinfahne entstieg dem Munde des Mannes, welche, in den späten Vormittagsstunden, bereits auf das ein oder andere Gläschen schliessen liess. In seiner Jackentasche fanden wir schliesslich auch einen Personalausweis, welcher uns erlaubte, den Mann zu seiner Wohnung zu begleiten (in Slowenien steht auf dem Personalausweis auch die Wohnadresse). Vor seinem Haus angekommen, wollte der Mann aber partout nicht zulassen, dass wir ihn bis zu seiner Wohnung im dritten Stock begleiten würden. Dies erschien uns wiederum jedoch unakzeptabel, konnte er sich doch kaum auf den Beinen halten und wäre mit grösster Wahrscheinlichkeit kaum die Treppen alleine hochgestiegen. So blieb uns nichts anderes anderes übrig, als beim Nachbarn zu klingeln. Dieser schien den älteren Mann gut zu kennen und gemeinsam nahmen sie dann die wenigen Tritte bis zur Wohnungstür in Angriff.

Ein übermässiger Alkoholkonsum ist in Slowenien keine Seltenheit. Sloweninnen und Slowenen gönnen sich gern einmal ein Gläschen über den Durst und das Trinken des gegärten Traubensaftes kann hierzulande bereits als fester Bestandteil des kulturellen Lebens bezeichnet werden.

Zusammen mit meinem Vater habe ich letzten Sonntag die Weinkeller unterhalb des Freiheitsplatzes in Maribor besichtigt. Dieses weitverzweigte Netz an Weinkellern gehört zu den grössten europaweit. Während der Zeit des sozialistischen Jugoslawien wurden hier jährlich 15 Millionen Liter Wein hergestellt und gelagert. Diese Mengen war deshalb astronomisch gross weil es keine privaten Weinproduzenten gab. Die ganze Herstellung war eine staatliche Angelegenheit und zur Erreichung dieser Menge wurden sogar Trauben aus Mazedonien nach Maribor gebracht. Heute stehen die riesenhaften Eichen-Weinfässer nur noch als Kunstobjekt in den Kellern. Die 800'000 Liter Wein, die letztes Jahr in den Weinkellern in Maribor produziert wurden, werden allesamt in Metallfässern gelagert.

Alkohol scheint auch in unserem Wohnblock ein Thema zu sein. Jedenfalls muss es hier irgendwo einen Whisky Liebhaber geben...

Samstag, 5. März 2011

Us dr Region für d'Region

Nach vielen neblig, kalten und sogar verschneiten Tagen zeigt sich hier in Maribor endlich mal wieder die Sonne. Jurij hat seine ersten Spaziergänge hinter sich und er hat auch mit den Grosseltern beider Länder Bekanntschaft gemacht. Es ist ein neuer Rhythmus auf den wir uns nun einstellen müssen. Nun ist etwas in unserem Leben, das klar Vorrang hat.

Bei meiner Arbeit als "flying teacher" fahre ich wöchentlich mehrmals zu verschiedenen Firmen in der Umgebung Maribors. Beide Firmen liegen ganz nahe der österreichischen Grenze, eine eigentlich direkt auf der Grenze. Es ist dies die Papierfabrik "Paloma". Noch ist der slowenische Staat grösster Teilhaber des Konzerns, welcher heute rund 800 Angestellte hat. Vor einigen Jahren waren es noch doppelt so viele gewesen. Der Konzern ist nun zum Verkauf ausgeschrieben. Interessierte Käufer stammen aus Österreich, der Slowakei und Tschechien. Eine Unsicherheit wie es danach mit der Firma weitergeht ist bei den Mitarbeitern zu spüren. Ich jedenfalls kaufe nur noch das Toilettenpapier Marke "Paloma", denn ich sage mir: "Us dr Region für d'Region".

Donnerstag, 24. Februar 2011

schlafen, essen, schreien, schauen, kacken...

Gerade vorhin habe ich im Radio gehört, dass in der Schweiz durchschnittlich täglich 120 Kinder zur Welt kommen. Hundertzwanzig Kinder und ungefähr gleich viele Väter und Mütter, die von diesem Tag an und für die nächste Zeit nichts anderes kennen als ihr Kind zu bestaunen, zu betrachten, zu bewundern und zu lieben. Wie schnell man sich in ein solches Wesen verliebt, das weder sprechen, noch gehen, geschweige denn selbständig überleben kann, ist unglaublich. Ich habe in den letzten Tagen oft auch an die tollen Leute aus dem Spital in Maribor zurück gedacht, die uns während der Geburt Jurijs begleitet haben. Sich vorzustellen, dass man Tag für Tag dabei ist und mit hilft, dass Kinder zur Welt kommen ist für mich irgendwie sureal. Die Geburt stellt für mich ein dermassen einmaliges Ereignis dar, dass ich mir schlichtwegs nicht vorstellen kann wie es sein muss, sie als integraler Bestandteil seiner Arbeit zu kennen.

Nun ist Jurij hier und uns scheint es bereits jetzt so, als könnten wir diesem kleinen Wesen beim Wachsen zuschauen. Ein Tag im Leben eines Neugeborenen scheint um ein Tausendfaches länger zu sein, als der gleiche Tag im Leben eines "Ausgewachsenen".


Während Jurij schläft und isst, schreit und schaut, erholt sich Natasa zusehends von den Strapazen der Geburt. Jeweils während einigen Stunden pro Tag arbeite ich nun als Deutschlehrer für die Sprachschule Berlitz. Als "flying teacher" werde ich zu verschiedenen Firmen geschickt, die ihr Personal oder auch den Chef persönlich in der Zunge Goethes drangsalieren wollen. Diese Arbeit gefällt mir ausserordentlich, ist es mir doch dadurch möglich, in der Gegend herum zu kommen und gleichzeitig meinem eigentlichen Beruf nachzugehen. Irgendwie komme ich halt doch immer wieder auf "den Lehrer" zurück.

Sonntag, 20. Februar 2011

Jurij ist hier

Am 18. Februar 2011 feierte Jurij gemeinsam mit seinen Eltern den Geburtstag im Spital in Maribor. Alle sind gesund und munter! Wir sind sehr froh dass er nun bei uns ist und wir freuen uns auf die Abenteuer, die Geschichten und das Leben das er mit seiner Geburt auf diese Welt mitgebracht hat.
Willkommen Jurij!

Montag, 14. Februar 2011

Ruska Cesta, Tabor


In Maribor gibts die Ruska Cesta. Eine Strasse, die etwas erhöht der Drava entlang führt und von welcher aus man eine fantastische Aussicht auf den Fluss und auf das historische Stadtzentrum auf der anderen Flussseite hat. Heute bin ich zum ersten Mal mit dem Fahrrad dieser langen Strasse entlang gefahren und entdeckte auf eben dieser unscheinbaren Strasse einen Mikrokosmos an ruinierten Häusern, Trödelläden und russisch-ukrainischen Supermärkten. Hier, wenige Meter vom historischen Stadtzentrum entfernt leben Leute in wahrhaften Bruchbuden und in der Luft liegt der Geschmack von Kohleheizungen, etwas was mich sehr an Sarajevo im Winter erinnert. Im russich-ukrainischen Supermarkt kaufe ich mir Schokolade, im Trödelladen kaufe ich mir nichts, denn es ist unmöglich festzustellen was Privatbesitz und was zum Verkauf angeboten ist.

Auf der Ruska-Cesta waren heute Vermessungstechniker dabei die Strasse zu kartografieren und genau zu vermessen. Wahrscheinlich werden auch hier die alten Bruchbuden bald einmal abgerissen werden. Riesige Plakatwände preisen auf jeden Fall 1-3 Zimmer Wohnungen im grünen Tabor an. Ab 60'000 bis 180'000 Euro ist man dabei.

Unser Kind lässt sich Zeit. Es geht ihm allen Anschein nach gut!

Sonntag, 13. Februar 2011

Eva aus Ungarn


Unterwegs mit Rog, in Ungarn, im Mai 2009

Am Abend kamen ich und mein Eingänger Marke Rog erneut in ein Dorf, dessen Name ich bereits zwei Sekunden nach Passieren des Ortschildes wieder vergessen hatte. Es war Zeit, sich nach einem Nachtlager umzuschauen. Ich tat was ich in solchen Situationen immer tue; ich setzte mich in die Bar im Zentrum (es gabe nur eine) und trank ein Bier. Der Serviertochter gab ich zu verstehen, dass ich das Zelt auf dem Rasen hinter der Bar aufstellen möchte. Sie gab mir zu verstehen, dass ihr das ziemlich egal sei. Etwas weniger gleichgültig gegenüber meiner Bitte waren eine Gruppe von Frauen mittleren Alters welche mich auch prompt an ihren Tisch beriefen. Es fielen die Worte Ciganj, Zigeuner, ich solle aufpassen, denn schliefe ich im Zelt könnten sie mir mein Fahrrad stehlen (das Verb stehlen kann man so wunderbar nonverbal ausdrücken ohne dabei irgendwelche Missverständnisse zu produzieren). Es fiel nun ein weiteres Wort das ich verstand- Diesmal auf deutsch: Zimmer frei! Eva machte mir dieses Angebot und auf einen Zettel schrieb sie den Betrag: 6 Euro, inklusive HamHam, was ich als Angebot eines Nachtessens zu deuten verstand. Rasch wurde das Geschäft abgeschlossen und so machten sich Eva, ihre Freundin Sabina und ich bald darauf auf den Weg zu Evas Haus.
Es war eines jener typischen ungarischen Langhäuser, wie auch anders in einem typisch ungarischen Langdorf, und, wie ich später feststellen durfte, war auch die Inneneinrichtung typisch ungarisch. Die Ungaren scheinen eine Vorliebe für alten Kitsch zu haben und wer von euch bereits einmal die Eispaläste am freiburgischen Blausee besucht hat, weiss genau wovon ich spreche. Das Haus ist keineswegs mit Ramsch überladen, vielmehr scheint es als ob die wenigen Dinge, welche die Wände zieren oder am Rande der Regale stehen, seit Jahrzehnten ihren festen Platz hätten und nur ab und zu zum leichten Entstauben von ihrem angestammten Platz entfernt würden. Unter diesen Gegenständen befinden sich sowohl Plastikblumen wie auch Plüschtiere oder vergilbte Audiokassetten. Eva schlug einige Eier in die Pfanne und wir assen Beide mit grossem Appetit und spülten das Nachtessen mit einem Glas Weisswein hinunter. Das Haus von Eva besass vier Räume, ihre Söhne waren ausgezogen und lebten in Pecs, ihr Mann vor Jahren verstorben. Was mich überraschte; es gab nur ein grosses Bett im ganzen Haus und dieses bereitete Eva ganz offensichtlich für mich her.
Ich versuchte sie zu fragen wo sie denn zu schlafen gedenke, aber das Geschoss meiner Worte flog meilenweit am Ziel vorbei; es war unmöglich sich zu verständigen, denn Eva winkte immer wieder lachend ab. Schliesslich genoss ich eine warme Dusche in Evas Bad und als ich frisch geputzt das Schlafzimmer betrat lag Eva bereits im Bett, rauchte eine Zigarette, trank weiterhin Weisswein und naschte Chips, welche sie in der Bar erstanden hatte. Sie hob mir meine Decke hoch und ich schlüpfte ins Bett. So war das also gedacht; ein halbes Bett war frei und nicht ein ganzes Zimmer. Eva bot mir noch eine Zigarette an aber mir war es nicht nach rauchen zu Mute. Ich musste mich erst einmal mit dem Gedanken abfinden, dass ich in dieser Nacht das Bett mit Eva teilen würde. Bald aber drehte ich mich lachend zur Seite und schlief ein. Ich habe nicht gut geschlafen in dieser Nacht, es war heiss, Eva schnarchte und mir schien, als schwebe der Rauch der Zigaretten immer noch kanpp über meinem Kissen.
Am nächsten Morgen gab es einen stärkenden Kaffee und mit einer Umarmung verabschiedete ich mich von Eva und ihrer Freundin Sabina. So sehen also ungarische Zimmer frei aus, dachte ich bei mir, als mich die Landstrasse am frühen Morgen wieder mit offenen Armen empfing.