Dienstag, 30. Oktober 2012

Vamos, Miklos!



Es ist ein nebliger, kalter Tag in Slovenska Bistrica. Der kälteste Tag seit dem Herbstbeginn. Die Abgaswolken der Autos bleiben noch eine Weile in der Luft hängen, nachdem sich die Wagen bereits aus dem Staub gemacht haben. Miklos Vamos lässt keine Spuren zurück. Nachdem er auf der Hauptstrasse Richtung Ljubljana aus meinem Blickfeld entschwunden ist scheint es, als hätte die kalte Luft ihn bereits verschluckt. Ihn, sein Fahrrad und sein gesamtes Hab und Gut. Dort wo er war, dort bleibt nichts von ihm zurück und dorthin wo er fährt, da erwarten ihn im besten Fall ein paar trockene Kleider, etwas zu Essen und nicht ganz zu ende gerauchte Zigaretten; aus dem Müll gefischt, vom Boden aufgelesen. Schweren Herzens sehe ich ihn davon gehen, sein voll gepacktes und massiv schweres Rad neben sich herschiebend und ich kann mir selber nicht genau erklären, was für eine Begegnung mir während den letzten vierundzwanzig Stunden zugefallen ist.

Miklos Vamos habe ich am Mittwoch in Lendava kennen gelernt, nachdem ich unser Auto beim Mechaniker Janez abgestellt hatte und mich per Rad auf den Weg zurück nach Trimlini machte. Fast wäre ich mit dem Rad in ihn hinein gefahren. Miklos stand an der Auffahrt zur Autobahn, vertieft in eine seiner Reisetaschen. Neben sich ein Gefährt von beinahe urzeitlichem Ausmass. Ein Kettler Rad, das bestimmt zwanzig Jahre auf dem Buckel hat und ein Aufsatz an Taschen und Säcken, die einem einigermassen geübten Tourenfahrer, fast den Atem stocken lässt. Auf dem Gepäckträger zwei Reserveräder, ein Liegestuhl, eine Campingmatratze, eine riesige Luftpumpe und ein kleines Surfbrett. Taschen auch am Vorderrad und als wäre das alles nicht genug, trägt der kleine Mann mit den weissen Haaren und dem um die Mundwinkel vom Tabak gelb gefärbten, aber sonst strahlen weissen Bart, auch noch einen riesigen Treckingrucksack am Rücken. Ich halte neben ihm auf dem Gehsteig an, ich kann nicht anders. Meine slowenische Begrüssung erwiedert Miklos mit einem ungarischen „jo napod“. Ein Ungare also. Ein Magjar und ich kenne die Folgen für die weitere Gesprächsführung bereits. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben als mit Händen und Füssen ins Gespräch zu kommen. Darin habe ich meine Erfahrungen.
Rasch wird klar, dieser Mann schreit nach einem Kaffe und wir machen uns gemeinsam auf den Weg, die Fahrräder neben uns herschiebend, über die Brücke zur letzten Tankstelle vor der Autobahneinfahrt. Bei Kaffe und Zigarette beginne ich die ersten Bruchstücke aus dem Leben von Miklos Vamos zu verstehen. Ein Gespräch wie ein Puzzlespiel, bei dem du nach und nach die Puzzleteile umdrehst, etwas darauf erkennst und es doch noch nicht in Relation zu den anderen Teilen setzten kannst, geschweige denn ein ganzes Bild zu erkennen.
Miklos Vamos ist unterwegs in den Süden. Er flieht vor der Kälte und fährt via Italien und Frankreich nach Gibraltar. Dort ist er anscheinend bereits einmal gewesen, denn an seinem Rucksack hängt eine Warnjacke, wie sie Bauarbeiter tragen, mit der Aufschrift: Labour Hire (Gibraltar) Ltd.
Ein erstes Mal verabschiede ich mich von Miklos Vamos an der Tankstelle in Lendava. Ich gebe ihm meine Mobilnummer, er solle sich am Donnerstag melden wenn er in Maribor ist. Er meldete sich schliesslich am Donnerstag Abend, nachdem er Maribor bereits seit zwanzig Kilometer hinter sich gelessen hat.
Heute, mehrere Gesprächsstunden nach dieser ersten Begegnung, liegen Fragmente von Miklos Leben vor mir, ich beschaue mir diese einzelnen Stücke und komme nicht aus dem Staunen hinaus. Jahreszahlen, während der Nacht auf einen Papierfetzen gekritzelt, haben unser gegenseitiges Verstehen erleichtert. Wenn ich versuchen soll einige Eckdaten zu nennen, dann würde das Ganze ungefähr so lauten

Miklos Vamos wurde 1962 in Ungarn geboren. Wo genau weiss ich nicht. Er hat seine Eltern nie gekannt und ist in einem Kinderheim und später in einem Internat aufgewachsen. In Moskau hat er sich von 1984 bis 1990 zum Helikopterpiloten ausgebildet. 1991 wurde sein Helikopter im Jugoslawienkrieg abgeschossen. Warum und von wem habe ich keine Ahnung. Danach ist er nach Rumänien gegangen und hat dort in mehreren Städten zwischen 1991 und 1999 gelebt. Seit seiner Rückkehr nach Ungarn im Jahre 1999 lebte Miklos Vamos auf der Strasse, ein Obdachloser, ein homeless, wie er selbst immer wieder betonte. Seit dann führten ihn ausgedehnte Fahrradreisen in die ganze Welt, nach Australien (anscheinend hat die Caritas ihm den Flug dorthin bezahlt), in die Türkei, nach Kurdistan, Iran, Irak. Seit acht Jahren scheint Miklos einen Rhythmus gefunden zu haben. Seit acht Jahren bricht er regelmässig im Oktober zu seiner Reise in den Südwesten Europas auf. Gegen Mitte Dezember erreicht er Gibraltar. Dort kann er in einem Bunker (bunkercasa, so Miklo’s Ausdruck) einige Tage ausruhen. Ein ehemaliger Militärkollege von Miklos bewohne dieses Bunkerhaus das ganze Jahr über. Danach fährt er weiter nach Portugal, Lissabon. Hier, mehr oder weniger am Rande Europas, ist seine Reise beendet. Im Juni oder Juli fährt er dann auf ähnlicher Strecke zurück nach Ungarn um in Budapest erneut für einige Wochen eine Ruhepause einzulegen.

Miklos Vamos hat die letzte Nacht in unserer Wohnung in Maribor verbracht. Er hat nach fünf Wochen wieder einmal geduscht, seinen Schlafsack, seine Jacke und seinen Wollpullover gewaschen und bestimmt auch seit längerer Zeit eine ausgiebige, warme Mahlzeit zu sich genommen. Zusätzlich konnte er sich aus meiner Tabakdose bedienen, ein Umstand den er reichlich genutzt hat. Gemeinsam sind wir in den Supermarkt gegangen um für das Abendessen einzukaufen. Das Angebot, mit mir zusammen ein Bier zu trinken, hat Miklos klar abgelehnt. Er trinke seit Jahren keinen Tropfen Alkohol und meinte dass dies auch der Grund sei, weshalb er noch nicht auf dem pokopalisce gelandet sei. Das slowenische Wort für Friedhof war ihm wohl bekannt. Alkohol und Friedhof; für Miklos Vamos eine Symbiose. Bestimmt hat er bereits zahlreiche Biographien mit angesehen, die nicht zuletzt wegen dem Alkohol ein tragisches Ende genommen haben. Kaffe und Zigartetten, das sei sein Alkohol, meinte Miklos während er sich erneut eine Zigarette ansteckte.

Nach einer ausgiebigen Dusche kommt Miklos Vamos aus dem Badezimmer. Als er ohne T-Shirt vor mir steht erkenne ich, wie stämmig, wie robust, wie sportlich dieser 50-jährige Mann aussieht. Und mir wird klar, dass dies der Körper eines Mannes ist, der während den letzten Jahren, mehrere hundert tausend Kilometer auf dem Fahrrad zurück gelegt hat. Seine schmutzige Hose wirft er in den Müll. Litter, meinte Miklos lachend; Müll. Miklos Vamos fischt seine Kleider aus dem Müll und wenn sie zu schmutzig sind, dann landen sie wieder dort wo er sie gefunden hat; im Müll. Frankreich und Spanien seien fantastische Orte um Kleider aus dem Müll zu holen; Francia, Espagna dobro litter, dobro! In meiner Wohnung in Maribor öffnet er seinen grossen Rucksack und entnimmt ihm eine Plastiktüte, zum bersten gefüllt mit Mobiltelefonen, Akkus und Batterien. Er steckt mehrere Ladegeräte in die Steckdose und kontrolliert, ob die Mobiltelefone auch wirklich funktionieren.
Alles was Miklos Vamos bei sich trägt, hat er aus dem Müll. Einige Sachen, Kleider, Nahrung und Zigaretten dienen seinem eigenen Überleben. Andere Dinge wie zum Beispiel die zahlreichen Mobiltelefone dienen dem biznis. Auf seinem Mobiltelefon, das er selber benutzt, zeigt er mir seine Biznispartner. Da gibt es einen Biznispartner Elektronik, einen Biznispartnter Silber und einen Biznispartner für Tabak. Auch die Nummer des ungarischen Präsidenten, Victor Orban, hat Miklos gespeichert. Dieser sei ein guter Freund von ihm, er rufe ihn regelmässig an und während Miklo’s Ruhepause in Budapest könne er in Räumlichkeiten übernachten, die eben dieser Victor Orban zur Verfügung stelle. Phantasien eines zu lange auf der Strasse lebenden Menschen?

Allmählich kann mir Miklos Vamos klar machen, dass seine jährlich widerkehrenden Fahrten gen Süden mehr sind als ein Entfliehen aus der Kälte und aus der Stagnation. Zwar hat er für Ungarn kein gutes Wort übrig, doch die Liebe zur Sonne und zum Meer allein ist es nicht, die ihn jedes Jahr im Oktober wieder zum Aufbruch motivieren. Es ist das biznis.
Miklos Vamos hat festgestellt, dass er während seinen Reisen Dinge im Müll findet, die er zu Hause in Ungarn für Geld loswerden kann. Als Beispiele nennt er Mobiltelefone, Laptops, Uhren, Gold und Silber; alles aus dem Müll. In Budapest hat er seine Abnehmer für diese Sachen und die Kontaktnummern in seinem Handy gespeichert. Seine Reise nach Spanien ist eine Biznis-Reise, seine Hotels indes sind Stadtpärke, Waldränder und zuweilen Abflussrohre.
Miklos Vamos hat mich während seines Aufenthaltes bei mir nicht einmal um Geld oder sonstwelche Dienste gebeten. Für jedes Geschenk, das ich ihm machte, wollte er mir etwas aus seinem Fundus geben. Ein Abwehren meinerseits war nur mässig erfolgreich.

Am Freitag habe ich Miklos Vamos mit dem Auto zurück zu seinem Fahrrad nach Slovenska Bistrica gefahren. Mit gekonnten Handbewegungen sattelte er sein Fahrrad. Gemeinsam besuchten wir nochmals den Supermarkt. Miklos wählte eine weiche Salami, Margarine und Aufstriche. Brot würde er genügend im Müll finden. Zähne für härtere Speisen hat er keine Mehr.

Wir verabschiedeten uns herzlich. Sein Fahrrad die ersten Meter stossend verschwand er langsam aus meinem Blickfeld. Zurück lässt er schmutzige Hosen in meinem Hausmüll, einen vollen Aschenbecher und eine Lebensgeschichte, der ich sehr gerne nachgehen würde.


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