Sonntag, 24. Januar 2010

Bosnische Geschichte Teil 1

Ich denke, Geschichte lässt sich nur bruchstückhaft verstehen. Jedenfalls ergeht das mir hier in Sarajevo so und ich verdanke es meiner langen Verweildauer, dass sich die Mosaiksteine der Geschichte immer mehr zu einer Art Bild zusammenfügen. So erinnere ich mich im Verlauf der Zeit immer wieder an Aussagen über die Stadt und das Land, die mir meistens erst im zweiten Anlauf des Überdenkens klar werden.
Das Faszinierende für mich an Sarajevo und Bosnien-Hercegowina wird je längers je mehr die Überlagerung von historischen Eriegnissen und Hintergründen, die ihren Einfluss bis in die Gegenwart ausüben. Dies natürlich nach dem Kontakt und Freundschaft mit den Menschen hier.

Wahrscheinlich ist Bosnien in der Tat ein Sonderfall im Balkan oder sogar in ganz Europa.
Bereits vor der Osmanisierung war Bosnien als ein schwer berechenbares Land bekannt. Das Leben in Bosnien des ausgehenden Mittelalters bot ein buntes Bild, mitgeprägt von sächsischen Bergleuten, ragusanischen Handelsherren und italienischen Franziskanern. Die katholische Kirche wehrte sich mit aller Kraft gegen den Einfluss und das Aufkommen der Bogomilen, eine Sekte, die vorchristliche Elemente in die christliche Glaubensauffassung einbezog. Es war ein mythischer und naturnaher Glaube, der sich in Bosnien entwickelte. Die Bogomilen bauten keine Kirche oder sonstigen Denkmäler. Als heilige Orte wählten sie Kraftplätze in der Natur, wie zum Beispiel Blagaj in der Nähe von Mostar. Es mag auch an den Bogomilen gelegen haben, dass der Islam seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in Bosnien immer mehr Fuss fassen konnte. Die Bewohner Bosniens waren in ihrer Glaubensauffassung dem Islam wohl näher als dem Katholizismus.
Die Osmanen verbreiteten damals ihren Glauben nicht mit Schwert und Feuer wie dies die katholische Kirche während den Kreuzzügen zu tun pflegte. Das Osmanische Reich hatte seine eigenen Methoden um die besten Männer für ihren Glauben zu gewinnen.
Mit der "devširme", der sogenannten "Knabenlese" begannen sie die bosnische Bevölkerung für sich zu gewinnen. Die unterworfenen Balkanstaaten mussten regelmässig ein Kontingent an jungen Burschen nach Stanbul (Istanbul) entsenden. Nach dem erzwungenen Übertritt zum Islam konnten sie, entsprechend ihrer Eignungen, eine Laufbahn im militärischen oder zivilen Bereich antreten. Viele christliche Adelsfamilien entsandten ihre Jünglinge nicht ungern nach Stanbul, war doch dieser einseitige Youth-Exchange oftmals mit Ruhm und Vermögen für die eigene Familie verbunden. Denn die Knaben kehrten nach verbrachtem Studium manchmal als Stadthalter in ihr Heimatland zurück oder zeigten sich aus der Ferne erkenntlich. In "ihrem Namen und Auftrag" wurden Brücken, Moscheen, Koranschulen und andere Bauwerke errichtet.

Berühmt und für mich dank der Lektüre des Buches " Die Brücke über die Drina" von Ivo Andrič besonders eindrücklich, ist das Beispiel von Višegrad. Der Groswesir Sokollu Mehmed Pascha, hat um 1570 herum von Stanbul aus den Auftrag zum Bau der Brücke erteilt. Als 10 Jähriger, aus einem Dorf in der Nähe von Višegrad stammend, kam er in die Knabenlese und ihm war im fernen Stanbul eine grossartige Karriere zugeschrieben worden. Das wunderschöne Bauwerk erleichterte den Karawanenzügen zwischen Stanbul - Sarajevo und Ragusa (Dubrovnik) die Reise, denn nebst der Brücke entstanden auch sogenannte Sarajs, Vorläufer der heutigen Motels.
Im Hotel in Srebrenica musste ich mit Staunen feststellen, dass selbst dieses, doch als unzerstörbar geltendes Bauwerk, nicht vor heutigen Vandalen sicher ist. Haben sich doch tatsächlich einige Kerle dazu erdreist, einen 50 Kilogramm schweren Stein aus dem "Sofa" in der Mitte der Brücke zu stehlen. Ich habe das Glück gehabt, die Brücke einen Tag vor dem Diebstahl noch in ihrer vollen Schönheit und im ganzen osmanischen Glanz zu sehen.

Ich hoffe nur, dass sich dan nicht einen Scherz erlaubte und diesen Stein als Andenken in meinen Rucksack eingepackt hat.



Kommentare:

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  2. da roger seinen rucksack vor der abreise bestimmt nochmals überprüfen wird, habe ich in weiser voraussicht vorgesorgt. zum glück hatten sie keine unbestechlichen razzien oder andere grossdelegationen einheimischer sicherheitskräfte an den grenzposten stationiert. bin nun stolzer besitzer eines zwar eher unhandlichen und vergleichsweise schweren aber dafür umso einzigartigeren schlüsselanhängers.

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